Bogdan Roščić wird neuer Staatsopernchef

21. Dezember 2016, 16:30
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Der Sony-Manager wird ab 2020 Direktor der Wiener Staatsoper. Der 52-Jährige sieht die Kunstform Oper auf der Suche nach neuer Relevanz. Roščić will in diesem Sinne – mit einem zu findenden Musikdirektor und neuen Opern – abhelfen

Wien – Bevor seine interessante Entscheidung, also Bogdan Roščić, zu seinen Ausführungen ansetzte, formulierte Kulturminister Thomas Drozda jene Vorstellungen zum Haus am Ring, die zur überraschenden Wahl beigetragen hatten: Er wolle mit der Bestellung von Roščić zum Direktor ab 2020 "die Leitinstitution unserer Kulturlandschaft ab 2020 neu" positioniert sehen. "Wenn Sie so wollen, geht es auch darum, eine Staatsoper 4.0 zu kreieren."

Seine Wahl wollte Drozda allerdings "nicht als Kritik am Status quo", verstanden wissen. Schließlich, so Drozda, stehe die Staatsoper derzeit sehr gut da. Nicht zuletzt habe ihn aber Roščićs Konzept für "die inhaltliche Ausrichtung der Staatsoper ab 2020 restlos überzeugt", so Drozda, der dem Neuen überwältigenden "Gestaltungswillen" bescheinigt.

Wer den Leiter von Sony Classical hörte, hätte tatsächlich den Eindruck gewinnen können, es ginge darum, die Oper auch als Form zu retten; nach Roščić lebe die Kunstform zwar noch, aber ungemütlich nahe an ihrer Irrelevanz: "Die Oper wird seit 1945 totgesagt. Sie hat Bedeutung verloren. Sie steht wie noch nie in Konkurrenz um Zeit und Geld des Publikums. Oper kann nicht hoffen, vor lauter Prestige den Vergleich nicht eingehen zu müssen. Sie steht unter Druck. Es ist die größte Materialschlacht der Kulturwelt!"

Roščić, der noch nie ein Opernhaus geleitet hat (was übrigens auch auf Vorvorgänger Ioan Holender zutraf), ist überzeugt, dass ein Opernhaus heute "Rechenschaft darüber ablegen muss, wo Oper als Kunstgattung steht". Er verweist auf die USA, wo der Druck größer sei als hierzulande, wo Amtsinhaber Dominique Meyer ein Auslastungswunder nach dem andere liefere: In der US-Alltagswelt, "links der Broadway, rechts Netflix", sei die Situation zwar verschärft, aber der Umstand, dass Oper zu sehr nur auf ihr Prestige baue, berge die Gefahr, unbedeutend zu werden. Dies sei auch hierzulande ein wichtiges Thema.

Fragen über Fragen

Das Publikum von heute "und von morgen brauche Antworten auf die Fragen: Was ist die Oper für mich, warum muss sie Teil meines Lebens werden?" Diese Antworten können jedenfalls nach Roščić "Erlebnisse einer anderen Tiefe und Intensität, als sie Theaterroutine manchmal zu bieten hat, geben".

Nun ist Routine in einem Repertoirebetrieb wie jenem der Wiener Staatsoper kaum zu vermeiden, das weiß auch Roščić. Er sagt zwar: "Die Repertoirebreite an der Wiener Staatsoper steht vollkommen außer Debatte. Das ist eine große Errungenschaft. Eine vom Publikum gespürte Verarmung des Spielplans steht nicht auf meinem Plan." Allerdings fügt er auch hinzu, dass dies für ihn wohl kein Dogma sei, es vielmehr um die Gesamtkomposition einer Saison gehe – mit womöglich mehr Premieren als bisher.

Konkret wird Bogdan Roščić bei der Frage nach einem etwaigen Musikchef des Traditionshauses. Für ihn steht außer Frage, dass die Wiener Staatsoper einen Generalmusikdirektor brauche. Dieser sei Ansprechpartner und "müsse ein prägender Spitzenmusiker als Teil des Thinktanks sein", der sich wohl auch um zeitgenössische Werke kümmern wird.

Neue Opern hält Roščić jedenfalls "für die ganz große Achillesferse des Betriebs. Das läuft seit Jahren zu sehr als Feigenblatt. Oper war einmal ausschließlich zeitgenössisch. Es wäre grotesk gewesen, wenn ein Werk nicht neu gewesen wäre. Dahin zurückzukehren, auch wenn das natürlich so nicht realistisch ist, muss das Ziel sein." Öfters lässt Roščić in seinen Ausführungen den Namen Gustav Mahler einfließen, der ja auch die Staatsoper geleitet und mit Reformen versorgt hat. "Der bedeutendste Direktor der Staatsoper bisher" sei ihm eine Inspiration gewesen, so Ros cic: "Vorwärts zu Mahler" sei der Titel seines Konzepts gewesen, in dem Digitalisierung und TV wohl keine Priorität genießen werden.

Große Plattformen

"Dass die Zeit der Fernseh-Liveübertragungen am Samstagabend um 20.15 Uhr vorbei ist, wird wohl niemand bezweifeln – und das ist vielleicht auch gut so." Auch kleinere, eigene Digitalangebote hätten keine Zukunft: "Es werden sich große Plattformen durchsetzen, wo sich der interessierte Kulturbürger das abholt, was er braucht."

Amtsinhaber Dominique Meyer wünschte Roščić unterdessen "viel Glück und Erfolg mit dieser erfüllenden und herausfordernden Aufgabe". (Ljubiša Tošić, 21.12.2016)

  • Soll eine "Staatsoper 4.0" kreieren: Bogdan Roščić.
    foto: apa/herbert neubauer

    Soll eine "Staatsoper 4.0" kreieren: Bogdan Roščić.

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