Psychiaterin: "Märtyrertum ist nicht Ehre, sondern Drama"

Interview21. Dezember 2016, 17:06
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Gerichtsgutachterin Adelheid Kastner erläutert die Hintergründe und Motive, die dazu führen, dass Menschen sich als Attentäter instrumentalisieren lassen

STANDARD: Wir haben mittlerweile gelernt: Terroristen sind nicht zwingend auch geisteskrank. Welches Programm läuft denn bei jemandem ab, der einen Lkw mit der Absicht zu töten in eine Menschenmenge steuert?

Kastner: Terrorismus bezeichnet eine Handlung. Von dieser Handlung kann man nicht auf eine Persönlichkeitsstruktur schließen. Die Gruppe der Terroristen ist inhomogen, lässt sich aber grob strukturieren. Da ist viel Selbstherrlichkeit dabei, die Voraussetzung dafür ist, dass ich mich über andere stelle. Zum Teil sind es auch Verführte, die sich in ihrer Orientierungslosigkeit einer Bewegung anschließen, die sich über andere erhebt und die Anspruch auf die alleinige Wahrheit erhebt. Egal ob rechtsradikal, linksradikal oder islamistisch. Und unschlagbar ist es natürlich, wenn diese alleinige Wahrheit ins Jenseits führt, wo die unendliche Herrlichkeit winkt. Da kann ein diesseitiges System kaum ein Gegengewicht bieten. Dass nachteilige biografische Verhältnisse gewaltbereiter machen, ist übrigens nicht stimmig. Immer wieder gibt es auch Gewalttäter, die aus gutsituierten Familien stammen, die in Friedenszeiten aufgewachsen sind.

STANDARD: Wie kann man das Programm, das hier abläuft, stoppen?

Kastner: Wichtig wäre ein Gegenentwurf mit ausreichend Selbstwert. Junge Männer, die zu Hause die Prinzen sind und deren Familien ihnen das Selbstbild der absoluten Überlegenheit mitgeben, können im realen Leben nur scheitern, vor allem wenn es an Ausbildung und Durchhaltevermögen fehlt.

STANDARD: Patriarchale Strukturen sind also ein Risikofaktor?

Kastner: Eine rigide patriarchale Struktur, die die Selbstüberhöhung von Männern zum Programm hat, ist ein Problem. Allein weil man ein Mann ist, ist man noch nicht automatisch angesehen. Der Wille, sich in ein anderes System einzufügen, ist enden wollend, wenn man selbst aus einem System kommt, in dem man automatisch über allem steht. Dieses Problem muss man thematisieren.

STANDARD: Gibt es einen probaten Ansatz, der funktioniert?

Kastner: Ich denke da an den Ansatz der österreichischen Soziologin Edit Schlaffer, der über die emotionale Ebene der Mütter funktioniert. Die Mütter können ihren Söhnen wie niemand sonst vermitteln, dass Märtyrertum keine höhere Ehre, sondern ein Drama ist und dass sie sich für ihre Söhne nicht den Märtyrertod, sondern ein normales Leben wünschen. Begonnen hat Schlaffer damit in den Palästinensergebieten, wo Bilder der toten Märtyrer auf deren Häusern omnipräsent sind. Die Mütter sind täglich mit diesen Abbildungen konfrontiert und heucheln, stolz auf ihre Söhne zu sein. In Wahrheit zerbrechen sie aber daran. Ein weiterer Ansatz ist, den Betroffenen eine Art Führungsrolle anzubieten, in der sie in Deradikalisierungsmaßnahmen, quasi als Experten, eingebunden werden.

STANDARD: Was verrät die Art der Gewalt, nämlich einen Lkw in eine Gruppe von Personen zu steuern, über den Menschen oder die Mission?

Kastner: Das ist eher eine pragmatische Entscheidung. Das Überwachungsnetz ist mittlerweile relativ eng. Es ist nicht mehr so leicht, unbemerkt zum Beispiel eine Bombe zu bauen. Leichter, kostengünstiger und unauffälliger ist es, einen Lkw zu entführen. In diesem Fall kommt aber auch dazu, dass der Täter vorher den eigentlichen Fahrer des Kraftwagens umgebracht haben dürfte, was eine viel unmittelbarere Gewalttat ist, als am Steuer eines Lkw zu töten.

STANDARD: Wie wirken sich solche Ereignisse auf eine Gesellschaft aus?

Kastner: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Aber natürlich wird es öfter zu Situationen kommen, in denen man ein diffuses Gefühl von Unsicherheit verspürt – zum Beispiel an Orten wie Flughäfen oder Einkaufszentren. Trotzdem muss man betonen: Ein Terrorakt in Europa ist noch immer ein extrem seltenes Ereignis. Auch wenn es in den Medien jedes Mal so omnipräsent ist. Ungleich mehr Menschen sterben bei Attentaten in anderen Weltgegenden. Der Eindruck der Bedrohung verführt natürlich Menschen dazu, einfache Antworten zu akzeptieren, die Schuld bei Flüchtlingen zu suchen. Er befeuert den Dualismus, der ein wesentliches Merkmal des Populismus ist. Tatsächlich kommt ein kleiner Teil der Bedrohung auch über Flüchtlinge. Das muss man benennen, und dem muss man gegensteuern.

STANDARD: Gibt es schon so etwas wie einen Gewöhnungseffekt?

Kastner: Das wäre zu drastisch formuliert. Aber wir müssen hinnehmen, dass so etwas hin und wieder passiert. Und zum Glück werden auch viele solcher Taten im Vorfeld verhindert. (Manuela Honsig-Erlenburg, 21.12.2016)

foto: orf/leitner
Adelheid Kastner (54) ist eine österreichische Psychiaterin und Gerichtsgutachterin. Als Expertin im Bereich der forensischen Psychiatrie war sie unter anderem als Gerichtsgutachterin im Fall Josef F. tätig.
  • Polizisten am Mittwoch am Ort des Anschlags in Berlin.
    foto: afp photo / dpa / britta pedersen

    Polizisten am Mittwoch am Ort des Anschlags in Berlin.

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