Berlin-Anschlag: Täter offenbar weiter flüchtig – IS reklamierte Tat für sich

    20. Dezember 2016, 22:20
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    Nach Angriff Festgenommener wieder freigelassen – De Maiziere: Sicherheitsbehörden ihre Arbeit machen lassen

    Berlin – Nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt ist der oder die Attentäter noch nicht gefasst. Der Verdächtige, der am Montagabend kurz nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt bei der Gedächtniskirche festgenommen worden war, wurde wieder freigelassen.

    Die bisherigen Ermittlungsergebnisse hätten keinen dringenden Tatverdacht ergeben, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit. Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt sagte, es sei möglich, dass der gefährliche Täter noch im Raum Berlin unterwegs sei. Man sei "hochalarmiert", sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch.

    "Es ist nicht auszuschließen, dass der Täter flüchtig ist"

    Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere räumte am Abend im ZDF ein: "Es ist nicht auszuschließen, dass der Täter flüchtig ist." Zugleich versicherte er, die Ermittler tappten keineswegs im Dunklen. Es gebe Ermittlungsansätze, die würden verfolgt.

    "Wir sollten die Sicherheitsbehörden ihre Arbeit machen lassen. Die arbeiten mit Hochdruck. Und niemand wird ruhen, bis nicht der Täter oder die Täter gefasst sind", sagte er in der ARD.

    IS reklamiert Tat für sich

    Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat indes den Anschlag für sich in Anspruch genommen. Das IS-Sprachrohr Amaq meldete am Dienstag im Internet, ein IS-Kämpfer sei für den Angriff verantwortlich gewesen. Der Täter sei ein "Soldat des Islamischen Staates" gewesen, so Amaq. Er sei dem Aufruf gefolgt, die Staaten der Anti-IS-Koalition anzugreifen, die die Miliz in Syrien und im Irak bekämpft. Die deutsche Bundeswehr beteiligt sich am internationalen Einsatz gegen den IS. Die Erklärung wurde etwa 24 Stunden nach der Tat veröffentlicht. Die Identität des Täters wurde darin nicht genannt.

    Die Echtheit der Nachricht ließ sich zunächst nicht verifizieren. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle im Internet verbreitet. Auch die Form der Erklärung entspricht früheren Botschaften der Extremisten.

    12 Todesopfer

    Laut Generalbundesanwalt Peter Frank ist bisher unklar, ob der Mann, der den Lastwagen in die Menschenmenge auf dem Breitscheidplatz gesteuert und zwölf Menschen getötet hat, alleine handelte oder eine größere Tätergruppe dahinter steckt. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich zutiefst erschüttert. Ein ganzes Land sei in Trauer vereint, sagte sie in Berlin. "Wir wollen nicht damit leben, dass uns die Angst vor dem Bösen lähmt. Auch wenn es in diesen Stunden schwerfällt: Wir werden die Kraft finden für das Leben, wie wir es in Deutschland leben wollen – frei, miteinander und offen."

    Am Montagabend war ein Mann mit einem vermutlich entführten Lastwagen in den Weihnachtsmarkt nahe der Gedächtniskirche im Herzen Berlins gerast. Zwölf Menschen starben, rund 50 wurden teils lebensgefährlich verletzt. Laut de Maiziere konnten bis Dienstagnachmittag erst sechs der Toten identifiziert werden. 14 Menschen ringen nach seinen Worten nach wie vor mit dem Tod. Unter den Toten seien möglicherweise Jugendliche und auch Ausländer.

    Kurz nach dem Anschlag wurde ein 23 Jahre alter Mann festgenommen, der aus Pakistan kommen soll. Der Mann habe in seiner Vernehmung umfangreiche Angaben gemacht, eine Tatbeteiligung jedoch bestritten, erklärte die Bundesanwaltschaft am Dienstagabend. Augenzeugen hätten den Lastwagenfahrer nach dem Anschlag nicht lückenlos verfolgt, die kriminaltechnischen Untersuchungen hätten bisher keinen Beleg erbracht, dass der Mann im Führerhaus des Lastwagens gewesen sei. Im Führerhaus wurde nach Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden, bei dem 23-Jährigen dagegen nicht.

    Polnischer Lkw-Fahrer erschossen

    Bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt starb auch ein polnischer Lkw-Fahrer. Er lenkte nach bisherigen Erkenntnissen den Lastwagen, bevor dieser in die Hände des Mannes fiel, der dann mit dem Sattelschlepper in die Menschenmenge fuhr. Der Pole wurde erschossen.

    Merkel erklärte, es wäre besonders schwer zu ertragen, wenn der Täter tatsächlich in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat. "Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und die sich um Integration in unser Land bemühen."

    Der Anschlag ruft Erinnerungen an die Terrorattacke von Nizza im Juli wach: Dort waren 86 Menschen ums Leben gekommen, als ein Mann mit einem Lastwagen über die Uferpromenade der Mittelmeermetropole fuhr. Auch für diesen Anschlag hatte der IS die Verantwortung übernommen. (APA, 20.12.2016)

    • Das Tatfahrzeug nach dem Anschlag: Der oder die Täter sind vermutlich nach wie vor auf der Flucht.
      foto: afp/schwarz

      Das Tatfahrzeug nach dem Anschlag: Der oder die Täter sind vermutlich nach wie vor auf der Flucht.

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