"Großteil der Hersteller produziert Brillen wie vor hundert Jahren"

Interview21. Dezember 2016, 11:15
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Manufakturen, alberne Brillen, Berlin – ein Gespräch mit Moritz Krueger vom Berliner Brillenlabel Mykita

STANDARD: Brillen kauft man sich im Gegensatz zu Taschen nur alle paar Jahre. Ist das noch immer so?

Krüger: Bei Korrekturbrillen ist das tatsächlich der Fall, das Bewusstsein für Brillen hat sich in den letzten Jahren aber schon verändert, es gibt heute eine viel größere Auswahl. Und es gibt immer mehr Leute, die mehrere Brillen besitzen.

STANDARD: Es gab in den letzten Jahren einen Boom an kleinen Brillenherstellern …

Krüger: … das beobachte ich auf den Messen. Früher waren auf den Messen 30, 40 kleine Hersteller vertreten, heute sind's fast 200.

STANDARD: Kleine Hersteller nennen sich heute Manufakturen. Sie auch?

Krüger: Mit diesem Begriff werben heute viele Unternehmen für sich. Wenn man seine Produkte selbst herstellt und das dann per Hand tut, darf man sich Manufaktur nennen. Ich glaube aber, dass die wenigsten Hersteller das tun. Die wenigsten bedienen die gesamte Kette von der Idee bis zur Fertigung. Wir haben uns von Anfang an als moderne Manufaktur bezeichnet, weil wir klassische Handarbeit mit modernen Fertigungsverfahren verbinden.

STANDARD: Impliziert der Begriff Manufaktur nicht auch etwas Behäbiges?

Krüger: Es gibt zwar viele neue Brillenhersteller, ein Großteil von ihnen produziert die Brillen aber wie vor hundert Jahren. Die gleichen Scharniere, die gleichen Materialien: Man passt auf, dass die Glut nicht ausgeht, aber eigentlich sollte man eher neues Feuer entfachen. Dinge nur zu erhalten und zu replizieren, ist nicht unsere Idee.

foto: mykita
Korrekturbrillen sind auch bei Mykita trendresistenter ...

STANDARD: Was machen Sie anders?

Krüger: Wir stellen alle unsere Produkte in Berlin von Hand her, für unsere technologischen Innovationen blicken wir auch in fachfremde Bereiche. Über die Jahre wurden so Konstruktionen, Materialien, Oberflächentechnologien aus anderen Branchen gesammelt, auf die man immer wieder zurückgreifen kann.

STANDARD: Sie haben Ihr Unternehmen 2004 in Berlin gegründet. Wie wichtig ist das Berlin-Image für Ihr Unternehmen?

Krüger: Berlin ist ständig in Bewegung. Das Nicht-Perfekte, die begrenzten Ressourcen, das Fehlen eines Establishments im kreativen Bereich, das alles hat uns damals viel ermöglicht. Wir haben aufgrund des Leerstands in Berlin Mitte zu guten Konditionen einen alten Kindergarten mieten können. Aus der Not eine Tugend zu machen, diese Haltung ist hier sehr verwurzelt und kam uns zugute.

STANDARD: Damals trugen alle kastige Hornbrillen. Waren die Mykita-Brillen eine Reaktion darauf?

Krüger: Überhaupt nicht. Wir sind immer vom Material ausgegangen, haben viel mit Edelstahl und Flachblechen experimentiert.

STANDARD: Was trägt Berlin derzeit auf der Nase?

Krüger: Ultrafeines Acetat in klassischen Formen, gern ein bisschen Oversize.

STANDARD: Brillentrends?

Krüger: Die mag es geben. Wir versuchen immer, uns auf uns zu konzentrieren – unabhängig von aktuellen Trends. Wir analysieren aber sehr genau unsere Verkäufe in den einzelnen Ländern.

STANDARD: Was trägt man denn ins Österreich, Ihr Unternehmen verkauft hier ja schon länger?

Krüger: Das ist in Österreich, Deutschland und der Schweiz sehr ähnlich. Unterschiede kann man eher zwischen Metropolen und kleineren Städten ausmachen.


foto: mykita
... Sonnenbrillen weniger

STANDARD: Kann man an der Brille ablesen, was für ein Typ Mensch vor einem steht?

Krüger: Man bekommt auf jeden Fall Hinweise …

STANDARD: Gibt es Brillenmodelle, die Sie albern finden?

Krüger: Alles, was zu dekorativ und zu sehr gewollt in Richtung "Fashion" geht. Brillen mit Lederapplikationen zum Beispiel.

STANDARD: Ihre erste Brille?

Krüger: War eine runde schwarze John Lennon-Brille mit roten Gläsern von meiner Mutter, mit zehn. Ich habe aber noch nie eine Korrekturbrille tragen müssen, meine Augen sind zu gut.

STANDARD: Sie haben also selbst gar keine Brillen zu Hause?

Krüger: Doch, ziemlich viele. Das sind aber alles Sonnenbrillen. (Anne Feldkamp, 21.12.2016)


Der neue Store von Mykita hat in der Herrengase 19 in 1010 Wien eröffnet.

  • Mykita-Geschäftsführer und Firmenmitgründer Moritz Krueger,
    foto: mykita

    Mykita-Geschäftsführer und Firmenmitgründer Moritz Krueger,

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