"Kulturrevolution" von rechts bedeutet in Polen "Säuberung"

21. Dezember 2016, 06:00
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In den polnischen Kulturinstituten sollen bald die Nationalisten das Sagen haben

Polens Künstler genießen weltweit einen hervorragenden Ruf. Maler und Musikerinnen, Bildhauer, Regisseure und Schriftstellerinnen nehmen am internationalen Kulturdialog teil. Dass es dabei auch zu Kontroversen kommt, gehört zum Wesen der Kunst und macht sie spannend. Doch damit soll Schluss sein. Wenn es nach Jaroslaw Kaczynski , dem Vorsitzenden der nationalpopulistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), geht, soll die "Kulturrevolution" der Partei die polnische Kunstszene gründlich säubern – von angeblichen Nestbeschmutzern, Landesverrätern und dem verhassten "linken Pack".

Im Ausland löste die fristlose Entlassung allseits geschätzter Direktoren der Polnischen Institute, die mit den Österreichischen Kulturforen vergleichbar sind, Proteste aus. Mehr als die Hälfte der 24 polnischen Kulturinstitute sollen laut polnischen Presseinformationen eine negative Bewertung aus der Zentrale in Warschau bekommen haben. Das bisher verfolgte Programm und auch die für 2017 gesetzten Zielvorgaben passen offenbar nicht zum Konzept der seit einem Jahr mit absoluter Mehrheit regierenden PiS in Polen.

Experimente auf den Prüfstand stellen

So mussten die Leiter der Kulturinstitute in New York, Neu-Delhi und Berlin ihre Posten räumen. Für besonderes Aufsehen sorgte die Entlassung von Katarzyna Wielga-Skolimowska in Berlin. Nachdem Auszüge aus der Bewertung des Instituts durch Andrzej Przylebski, den polnischen Botschafter in Berlin, bekannt wurden, zeigte sich zunächst das Jüdische Museum in Berlin "bestürzt" und "irritiert". Später setzten sich auch der Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Gründungsintendant des Centrum Judaicum in einem Protestschreiben an Polens Außenminister Witold Waszczykowski für die Polin ein.

"Die blinde Nachahmung nihilistischer und hedonistischer Trends ist ein zivilisatorischer Irrweg", kritisiert Przylebski in seinem Gutachten. Das Polnische Institut, das sich als "Zentrum einer für neue Initiativen und Experimente offenen Kultur" definiert, müsse seine Experimente "auf den Prüfstand stellen". Immerhin habe sich Polen entschieden, "die Präsentation der eigenen Kultur hervorzuheben". Mit "Polen" meint der Botschafter in diesem Fall die Regierungspartei.

Gefängnisstrafen für Wortkombinationen

Die größte Empörung rief eine Passage hervor, in der Przylebski davor warnt, "es mit der Hervorhebung des polnisch-jüdischen Dialogs nicht zu übertreiben – als wichtigstem der interkulturellen Dialoge in Polen". Vor allem in Deutschland sei das nicht angebracht. Das Land solle "nicht die Rolle eines Mediators einnehmen". Seiner Meinung nach biete der polnisch-jüdische Dialog kaum etwas Neues, da er "weit fortgeschritten" sei. "Wichtig hingegen ist der polnisch-ukrainische und polnisch-litauische Dialog, aus Gründen, die ich hier nicht näher vorstellen muss."

Tatsächlich versucht die PiS dem derzeitigen Trend in Geschichtsforschung energisch gegenzusteuern, der sich der Kollaboration mit den deutschen Besatzern zuwendet. Mit einem Gesetz kriminalisiert die PiS eine ganze Latte an Themen und Wortkombinationen. Wer von "Massenmord" spricht, wenn die Rede von den Pogromen in Jedwabne 1941 oder Kielce 1946 ist, und das Wort "polnisch" dazusetzt, muss mit einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Forscher und Künstler sind zwar ausdrücklich von diesem Gesetz ausgenommen, nicht aber Journalisten, die über die Forschungsarbeit schreiben wollen.

Schwarze Listen

Vorsorglich wurde der wichtigsten polnischen Historikergruppe, die zur Shoah arbeitet, jede finanzielle Unterstützung gestrichen. Schriftsteller und Publizisten, die es wagen, sich mit den neuen Tabuthemen zu befassen, landen auf Schwarzen Listen. Die Polnischen Institute dürfen weder Olga Tokarczuk mit ihrem preisgekrönten Roman Jakobsbücher einladen noch Polen-Kenner und Autor Martin Pollack, der seit vielen Jahren eng mit dem polnischen Institut in Wien zusammenarbeitet. Wunschgäste des Botschafters dagegen sind Pawel Lisicki, Chefredakteur der nationalistischen Zeitschrift DoRzeczy (Zur Sache), oder Publizist Rafal Ziemkiewicz, der der rechtsradikalen "Nationalen Bewegung" nahesteht. Die "Nationale Demokratie" kämpfte in der Zwischenkriegszeit für ein mono-ethnisches katholisches Polen. Die Partei war extrem antisemitisch. Lisicki veröffentlichte vor kurzem ein Buch mit dem Titel: Blut an unseren Händen? Die Sakralisierung des Holocaust verwischt die Erinnerung an die polnischen Opfer. (Gabriele Lesser aus Warschau, 21.12.2016)

  • Polnischer Nationalismus:  die Zeitschrift "DoRzeczy".
    foto: dorzeczy

    Polnischer Nationalismus: die Zeitschrift "DoRzeczy".

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