"Raymonda": Kein Edelfräulein für den Sarazenen

20. Dezember 2016, 16:42
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Marius Petipas Klassiker in der Fassung von Rudolf Nurejew an der Wiener Staatsoper ist einen Besuch wert

Weihnachtsglück für Ballettfans. Denn Marius Petipas Klassiker Raymonda in der Fassung von Rudolf Nurejew ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Erstmals seit beinahe zwei Jahrzehnten wird das Stück jetzt wieder in voller Länge auf die Bühne der Staatsoper gebracht.

Trotz ihrer museal anmutenden Inszenierung darf diese Raymonda auch als Gegenwartsphänomen gesehen werden. In trüben Zeiten schaut man eben gern in verklärte Vergangenheiten. Allerdings verwandelt das Ballett die Staatsoper nicht in eine Zeitmaschine, in der man ins St. Petersburg des Jahres 1898 zurückreisen kann, wo Raymonda zur Musik von Alexander Glasunow uraufgeführt wurde. Nurejew hat es 1983 mit einer am Originallibretto gehaltenen Fassung in Paris und zwei Jahre später in Wien vorgestellt.

In neuem Licht

Bei der aktuellen Wiederaufnahme muss akzeptiert werden, dass die Körper der Balletttänzer von heute anders aussehen als jene am Ende des 19. Jahrhunderts, dass auch nicht mehr ganz so getanzt wird wie zu Petipas Zeiten und dass die Welt von heute auch die Erzählung dieses Handlungsballetts in völlig verändertem Licht erscheinen lässt.

Ein Beispiel: Die Figur des "Sarazenen", wie ein Araber seinerzeit genannt wurde, der sich an das französische "Edelfräulein" Raymonda (22. 12.: Nina Poláková) heranmacht, sie gar zu entführen versucht, erscheint uns heute als fremdenfeindliches Stereotyp. So gerät dieser Abderachman (22. 12.: Vladimir Shishov) in die Debatte um die gegenseitigen Herausforderungen verschiedener Kulturen.

Solche Zusammenhänge werden im Ballett nicht gerne angesprochen, ebenso wenig wie die Geschlechterdarstellung oder die Abhandlung sozialer Verhältnisse in Ballettlibretti des 19. Jahrhunderts. Hier ist also noch viel Platz für Neuerzählungen. Jetzt aber matchen sich wie gehabt zwei Männer um eine Frau, der Araber beißt ins Gras. Ein Happy End macht das exquisit choreografierte Ballett für Europäer bekömmlich. (ploe, 21.12.2016)

22. 12., 19.00 Uhr
26. 12., 14.00 und 19.00 Uhr
27. und 30. 12., 3. und 8. 1. jeweils 19.00 Uhr

Wiener Staatsoper

  • Kampf zweier Männer um eine Frau. Im Bild: Vladimir Shishov auf dem Weg zu Raymonda.
    foto: ashley taylor

    Kampf zweier Männer um eine Frau. Im Bild: Vladimir Shishov auf dem Weg zu Raymonda.

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