"Frauen und ihre Geschichten im Radio hörbarer machen"

Interview20. Dezember 2016, 12:12
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Helga Neumayer und Petra Pint, vom Redaktionskollektiv "Women on air", über freie Radios, Frauenrechte, mediale Bilder und feministische Sendungen zum Selbermachen

STANDARD: Ist Radio in Zeiten von Internet noch ein wichtiges Kommunikationsmittel?

Helga Neumayer: Radio ist das wichtigste Kommunikationsmittel für Frauen weltweit, in abgelegenen ländlichen Gegenden des globalen Südens haben Menschen meist gar keinen Zugang zu Internet, und am allerwenigsten Frauen.

Petra Pint: Radio und besonders freie Radios beziehungsweise Community-Radiostationen geben abseits der Mainstreammedien marginalisierten Gruppen und Menschen die Möglichkeit, ihre Themen medial zu diskutieren. Orange 94.0, das freie Radio in Wien, ist ein Ort, wo sich Menschen auch physisch treffen und dort gemeinsam voneinander lernen und Radioinhalte produzieren können. Mit dem Internet sind neue Möglichkeiten der Veröffentlichung dazugekommen. Das muss sich aber nicht ausschließen.

STANDARD: Warum gerade für Frauen?

Pint: Die "Women on air"-Redaktion hat ihren Ursprung im Verein Frauen*solidarität. Im Grunde machen wir als Redaktion Ähnliches wie die Zeitschrift "Frauen*solidarität". Wir möchten Frauen aus dem globalen Süden eine Öffentlichkeit in Österreich bieten. Wir möchten einen Ort schaffen, wo sich Frauen mit feministischen Perspektiven auseinandersetzen können, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sie lernen, selbst die Technik zu übernehmen, denn auch das erscheint auf den ersten Blick herausfordernder, als es eigentlich ist. Da Frauen als Expertinnen noch immer nicht medial so vertreten sind, wie sie sein sollten, möchten wir ihnen mit den "Globalen Dialogen – Women on air" diesen Raum geben.

Neumayer: Frauen weltweit, die zum Beispiel im Haushalt arbeiten, können neben der Hausarbeit Radio hören, deshalb ist es ein Medium, das besonders Frauenorganisationen weltweit nutzen, um Frauen zu informieren. In den "Globalen Dialogen" hatten wir viele Aktivistinnen, Radiokolleginnen zu Gast, die uns über ihre Strategien der Bewusstseinsschaffung mit Medien, besonders mit Radio und Zeitschriften, erzählten.

STANDARD: Haben Frauen eine Chance, ihr mediales Bild mitzubestimmen?

Neumayer: Seit den 1980er-Jahren versuchen Frauenbewegungen weltweit, Medienhoheit über ihre eigenen Bilder zu bekommen. Zum Beispiel gründete die Frauengewerkschaft Sewa im indischen Gujarat ihre eigene Medienakademie und arbeitete von da an besonders mit Video, aber auch mit Radio, obwohl das nicht so einfach war, denn das Radiomonopol hatte noch einige Jahrzehnte der indische Staat. In Lateinamerika begann die Bewegung der Alternativradios schon früh, und von dort kommen auch die kreativsten radialen Einmischungen von Frauen. Bei uns musste Frau bis in die 1990er-Jahre warten, bis es legale Möglichkeiten zum alternativen Radiomachen gab.

STANDARD: Gibt es Zahlen zu freien RadiomacherInnen in Österreich? Werden es mehr?

Pint: Bei Orange 94.0 beträgt der Frauenanteil bei den RadiomacherInnen genau die Hälfte. Seit über elf Jahren machen die "Women on air" gemeinsam Radio. In den letzten Jahren haben mehrere hundert Frauen in der Redaktion mitgearbeitet und durften viele Kolleginnen aus der ganzen Welt kennenlernen. Unsere Radioarbeit trägt schon dazu bei, dass feministische Themen mehr Präsenz erhalten.

STANDARD: Wie oft veranstaltet "Women on air" Workshops? Was ist das Ziel?

Pint: Den Workshop "Frauen*Geschichten*Radio" bei Orange 94.0 haben wir in der Form dieses Jahr zum ersten Mal gemacht. Ziel war es, Radiomacherinnen für feministische Inhalte zu sensibilisieren und zu zeigen, dass es nicht viel braucht, um Frauen und ihre Perspektiven und Geschichten im Radio hörbarer zu machen. Was wir seit diesem Jahr noch ausprobieren, ist ein Mentoringprojekt. Das heißt, Frauen, die in der Redaktion mitarbeiten und bestenfalls schon den Grundkurs besucht haben, können sich mit einer erfahrenen Radiomacherin zusammentun und gemeinsam Sendungen produzieren. Infos dazu gibt es in Kürze auf unserer Website.

STANDARD: Wie viel kann Frau in vier Stunden lernen? Eine ganze Sendung zu machen?

Pint: Im Radioworkshop "Frauen*Geschichten*Radio" erfährt man zuerst einmal, wie Frauen weltweit das Radio für ihre Anliegen nutzen, und dann gibt es die Möglichkeit, Interviews zu üben und zu schneiden. Für eine intensivere Beschäftigung empfehle ich, sich bei Orange 94.0 für den Grundkurs freies Radio anzumelden, der einmal im Monat stattfindet. Dort lernt man in 20 Stunden die grundlegenden Basics fürs Radiomachen, etwa Sendungsplanung und -gestaltung, Liveradio, Medienrecht. Auch die Frauen*solidarität bietet ab und zu Radioworkshops an.

STANDARD: Hat sich die Technik vereinfacht, etwa durch Smartphones?

Pint: Die Technik hat sich vereinfacht, ja. Mit Smartphones oder Tablets und den dazugehörigen Apps ist es möglich, Interviews oder Vor-Ort-Eindrücke von Veranstaltungen aufzunehmen und zu schneiden. Der Einstieg ins Radio wird niederschwelliger. Für komplexe Geschichten würde ich trotzdem auf Aufnahmegeräte und Computer zurückgreifen oder die Gästin ins Studio einladen.

STANDARD: Welche Tipps aus der Praxis etwa gegen Nervosität, für Präsenz und Stimmbildung gibt es dazu?

Neumayer: Eines unserer wichtigsten Anliegen ist, dass Frauen – Aktivistinnen, Expertinnen, Wissenschafterinnen – das Mikrofon angstfrei in die Hand nehmen und ihre Inhalte und Fragen klar ausdrücken. In Mitteleuropa ist das gar nicht so einfach, denn Frauen werden nicht in Rhetorik geschult und haben dabei oft Probleme. Rhetorik als aktivistisches Instrument ist bei uns noch sehr ausbaubar. Da haben uns viele afrikanische und lateinamerikanische Kolleginnen etliches voraus.

Pint: Ausprobieren und tun, Learning by Doing. Wir sind keine Profis und haben auch nicht den Anspruch. Im freien Radio bekommt Frau genug Zeit, um ihren eigenen Stil zu entwickeln. Das Besondere am Radiomachen in freien Radios ist, dass Frau nicht nur auf Deutsch Radio machen muss. In unserer Sendereihe kann in allen Sprachen gesendet werden – mit zusammenfassender Übersetzung – oder auch in nicht akzentfreiem Deutsch. Und wenn Frau einmal bei Orange 94.0 Radio macht, gibt es auch laufend kostenfreie Weiterbildungsmöglichkeiten zu Interviewführung, Stimmbildung und so weiter.

STANDARD: Was muss Frau mitbringen, um bei "Women on air" Radio zu machen?

Neumayer: Wir laden Kolleginnen ein, die ein Anliegen inhaltlicher Natur haben, das zu den Themen der Sendereihe "Globalen Dialoge" passt: die Auseinandersetzung mit Frauenbewegungen in Geschichte und Gegenwart weltweit, Aktivismus, wirtschaftliche Machtverhältnisse, Menschen- und Frauenrechte, Frauenalltag weltweit, Nord-Süd-Verhältnisse ...

Pint: Wir sind eine offene Redaktionsgruppe, Interessierte können unverbindlich zu den Redaktionssitzungen vorbeikommen und je nach zeitlichen Ressourcen mitarbeiten. Mitzubringen ist die Lust, Neues auszuprobieren, gemeinsam an Themen zu arbeiten und sich gegenseitig zu unterstützen. (Tanja Paar, 20.12.2016)


Helga Neumayer, Autorin, seit 2005 Gründungsmitglied und mehrsprachige Radiomacherin der feministischen Radioredaktion "Women on air".

Petra Pint, Radiomacherin bei "Women on air", koordiniert das Projekt "Globale Dialoge".

Die Sendereihe "Globale Dialoge" ist ein Medienprojekt von Orange 94.0 und dem Verein Frauen*solidarität und wird von der Austrian Development Agency gefördert. Es ist jeden Dienstag von 13 bis 14 Uhr zu hören. Das Redaktionskollektiv "Women on air" berichtet seit 2005 über Frauen*bewegungen weltweit, *feministische, entwicklungspolitische und transkulturelle Debatten, Frauen*arbeits- und Lebensrealitäten und globale Machtverhältnisse.

Hörtipp: Best of Globale Dialoge 2016 zum Thema movements | Die Welt in Bewegung

Lesetipp: Bewaffnet mit Kugelschreiber und Mikrofon. Medien als Werkzeug sozialer Entwicklung (2014)

  • Seit 2005 berichtet das Redaktionskollektiv "Women on air" über Feminismus und Entwicklungspolitik. Die Sendereihe "Globale Dialoge" ist jeden Dienstag von 13 bis 14 Uhr zu hören.
    foto: women on air

    Seit 2005 berichtet das Redaktionskollektiv "Women on air" über Feminismus und Entwicklungspolitik. Die Sendereihe "Globale Dialoge" ist jeden Dienstag von 13 bis 14 Uhr zu hören.

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