Syrien "Hölle auf Erden" für Journalisten

19. Dezember 2016, 16:46
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74 Medienschaffende wurden 2016 während oder wegen ihres Berufs getötet, zählt Reporter ohne Grenzen. Die weltweit gefährlichsten Länder sind Syrien, Afghanistan, Mexiko, der Iran und der Jemen

Wien – 2016 war für Journalisten neuerlich ein tödliches Jahr: 74 Medienschaffende wurden Stand 10. Dezember während ihrer Arbeit oder wegen ihres Berufs getötet. Das sind 27 weniger als im Vorjahr, berichtet die Pressefreiheitsorganisation Reporter ohne Grenzen. Für Entwarnung gibt es dennoch keinen Grund: Immer mehr Medienschaffende fliehen aus Ländern, in denen die Situation zu gefährlich für sie wird. Von den 74 Medienschaffenden waren 57 professionelle Journalisten, neun Bürgerjournalisten und acht Medienmitarbeiter.

Die gefährlichsten Länder für Journalisten sind (siehe Grafik) laut Reporter ohne Grenzen:

  • Syrien ist das "weltweit gefährlichste Land für Journalisten", für Reporter ohne Grenzen "die Hölle auf Erden für Journalisten". 2016 wurden elf Journalisten und acht Bürgerjournalisten in Ausübung ihres Berufs getötet, darunter der 19-jährige Fotoreporter Osama Dschuma. Am 5. Juni tötete ihn eine Handgranate, als er die Rettungsarbeiten in einem kurz zuvor bombardierten Wohnviertel in Aleppo fotografierte. "Sein Tod war eines der alltäglich gewordenen Kriegsverbrechen in einem Land, in dem die Medienfreiheit unter Dauerfeuer von allen Seiten steht", teilt Reporter ohne Grenzen in seinem am Montag veröffentlichten Jahresbericht mit.
  • Afghanistan: Zehn Journalisten starben durch Gewalteinwirkung in Afghanistan. Mehrheitlich ist dafür der Krieg der Taliban gegen die Regierung verantwortlich. Reporter ohne Grenzen blickt mit Sorge in die Zukunft: Hunderte Journalisten seien in jenen Provinzen in Gefahr, in denen Taliban und "Islamischer Staat" auf dem Vormarsch sind.
  • Mexiko: Neun professionelle Journalisten wurden in Mexiko ermordet. Viele Taten von Kartellen bleiben ungeahndet. Die Behörden schauen oft untätig zu, wie zum Beispiel im Fall von Pedro Tamayo Rosas. Der Reporter stand nach Todesdrohungen unter Polizeischutz und wurde dennoch vor den Augen seiner Frau und seiner beiden Kinder erschossen. Die Angreifer flohen unbehelligt, obwohl ein Polizeiauto nur wenige Meter entfernt war. Die Polizisten unternahmen keinen Versuch, die Täter zu stoppen.
  • Irak: Sieben Journalisten starben 2016 im Irak. Die bei irakischen Regierungstruppen und kurdischen Einheiten eingebetteten Reporter, Kameraleute, Fotografen und andere Medienmitarbeiter sind dort "Zielscheiben" der Scharfschützen und Selbstmordattentäter der Terrororganisation "Islamischer Staat". Allein in der ersten Woche der Offensive auf Mossul wurden 14 Journalisten verletzt, berichtet die Pressefreiheitsorganisation.
  • Jemen: Keine kritische Medienberichterstattung tolerieren die Huthi-Rebellen, die seit 2014 die jemenitische Hauptstadt Sanaa unter ihre Kontrolle gebracht haben. Ihr Anführer Abdulmalik al-Huthi hat Medienschaffenden offen den Krieg erklärt und sie als gefährlicher als die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition bezeichnet.
  • Journalistinnen: Unter den Opfern listet Reporter ohne Grenzen Anabel Flores Salazar auf. Die Mexikanerin ist eine von fünf getöteten Journalistinnen des Jahres 2016. Die 32-Jährige berichtete im Bundesstaat Veracruz über das organisierte Verbrechen im Land. Am 8. Februar wurde sie entführt, tags darauf fand man ihre halbnackte Leiche mit gefesselten Händen und einer Plastiktüte über dem Kopf an einer Straße im benachbarten Bundesstaat Puebla.
  • Kriegsgebiet: Zwei Drittel der in diesem Jahr getöteten Journalisten starben in Kriegs- und Konfliktgebieten. 2015 war noch der größere Teil in Ländern ohne bewaffnete Konflikte getötet worden. Der Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Frankreich ließ im vergangenen Jahr die Zahlen ansteigen.
  • Selbstzensur: Einen weiteren Grund für den Rückgang sieht Reporter ohne Grenzen das "Klima der Angst", etwa in Mexiko oder im Südsudan. Journalisten haben dort kaum eine andere Wahl als Selbstzensur, um nicht selbst zu Zielen von Mordanschlägen zu werden.
  • Tödliche Bilanz: In den vergangenen zehn Jahren wurden insgesamt mindestens 695 Journalisten wegen ihrer Arbeit getötet. (red, 19.12.2016)

Nachlese

2016 wurden 74 Medienschaffende wegen ihrer Arbeit getötet – NGO fordert Uno-Sonderbeauftragten

  • Journalismus unter Druck: die Bilanz 2016.
    grafik: standard

    Journalismus unter Druck: die Bilanz 2016.

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