"Drei Schwestern": Im Stillstand des beschleunigten Dauergequassels

20. Dezember 2016, 08:48
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Tschechows "Drei Schwestern", von Regisseur und Autor Simon Stone in Basel triumphal ins Hier und Heute übertragen

Der Theatershootingstar Simon Stone ist in Basel geboren. Dass er Hausregisseur am dortigen Theater ist und sich gerade auch als Opernregisseur (mit Korngolds Toter Stadt) ziemlichen Respekt verschaffen konnte, hat gleichwohl nichts von einer kleinkariert helvetisch-kantonalen Personalie. Was er ist, wurde er in der weiten Welt – in England und Australien. Seine Preise (wie den Nestroy oder die Einladungen zum Theatertreffen) kassierte er in Österreich und Deutschland.

Bei den Salzburger Festspielen ist er im nächsten Sommer als Regisseur von Reimanns Lear die spannendste Programmankündigung. Der Anfang-30er mit der Filmvorliebe ist ein Theatermann, der noch auf Stücke setzt – so sehr, dass er sie notfalls als Koautor für die Gegenwart überschreibt, bevor er sie inszeniert. So wie jetzt Tschechows Drei Schwestern, die auch schon mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel haben.

Mindestens Berlin

Bei ihm treibt sie die Sehnsucht nicht mehr nach Moskau. Sie leben übers Jahr schon mindestens in Berlin, haben ein vom Vater geerbtes Landhaus irgendwo in der Provinz, sicher aber in Metro polennähe. Obwohl (oder weil?) ihre Sprache und ihr Denken eine ausgeprägte Schlagseite in Richtung globalisiertes "Fuck you"-Englisch haben, reichen ihre Sehnsuchtsorte nach irgendwo oder, wenn es konkret wird, bis hin über über den Großen Teich.

Als IT-Freak träumt der mit Süchten aller Art und der falschen Frau geschlagene Andrej (Nicola Mastroberardino) vom Silicon Valley. Mascha (Franziska Hackl) hat für sich und den – endlich richtigen? – Lover Alexander (Elias Eilinghoff als Junge vom Dorf) schon mal ein Appartement in Brooklyn angemietet. Darunter sind die Lebensträume von heute nicht zu haben. Das Scheitern und die Albträume auch nicht. Vom tatsächlich gewählten Präsidenten Trump, dessen Kür Roland Koch (als Onkel Roman) während einer Schlafkur (oder im Vollrausch) verpasst hat, bis zu der gerissenen, erst Andrej und dann das Haus okkupierenden Natascha (Cathrin Störmer).

Zwischen Möglichkeiten verloren

Olga, Mascha und Irina, ihr Bruder Andrej, die dazugehörigen oder sie in mehr oder weniger Entfernung umkreisenden Männer (inklusive Nicolai, Viktor und Herbert) treffen sich dreimal im Ferienhaus. Das ist von Lizzie Clachan architekturpreisverdächtig entworfen und dank Drehbühne und Mikroports für jeden Lauschangriff des Publikums offen. Also auch für dieses besondere Tschechow'sche Theatergefühl, das sich einstellt, wenn man den Leuten beim Leben zuschaut.

Aber nicht in Richtung Vergangenheit oder russische Langweile, sondern nach nebenan, zu den zwischen ihren Möglichkeiten längst Verlorengegangenen, die alles haben (könnten), aber nichts und vor allem niemanden zu halten vermögen. Die Diagnose ist bei Stone ähnlich deprimierend wie bei Tschechow – nur dass er dessen Verweis auf die Gegenwart als Zeit der Handlung wörtlich nimmt. Es ist ausdrücklich die Zeit nach der Wahl von Trump. Die Ära der subtilen Andeutungen liegt hinter uns. Da ist Olga (Barbara Horvath) offen lesbisch. Und Herbert (Florian von Manteuffel) gibt den Quotenschwulen, den heute fast jede Sitcom hat.

Die Meisterschaft der Regie muss sich hier nicht am Lärm der Stille, sondern am Stillstand eines beschleunigten Dauergequassels bewähren, was dem Regisseur bei dieser fabelhaften Truppe scheinbar mühelos gelingt. Für jedes intakte Ensemble muss dieser in die Gegenwart verfrachtete Stone-Tschechow ein Fest sein – und fürs Pulikum ein Vergnügen, auch weil es überlebt hat und sich jeder für etwas lebensklüger halten darf. (Joachim Lange aus Basel, 20.12.2016)

  • Olga, Mascha und Irina leben nicht mehr in der russischen Provinz, sondern architekturpreisverdächtig im Berliner Umland.
    foto: sandra then

    Olga, Mascha und Irina leben nicht mehr in der russischen Provinz, sondern architekturpreisverdächtig im Berliner Umland.

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