Sabine Mathis: Family-Business auf zwei Rädern

20. Dezember 2016, 17:37
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Sabine Mathis war mit ihrer Schwester zweimal Kunstrad-Weltmeisterin, einer Sportart, die, obwohl europäisch dominiert, in Österreich als etwas exotisch gilt

Meiningen/Wien – Als Sabine Mathis noch Franz hieß, Sabine Franz, war sie schon einer echten Sportlerdynastie zuzuordnen. Allerdings auch nur für Eingeweihte. Dabei ist Sabine Franz die nach Medaillen bei internationalen Wettkämpfen gerechnet bisher erfolgreichste Sportlerin aus Vorarlberg – knapp gefolgt von Brigitte Franz, ihrer Schwester.

Die Franz-Schwestern fuhren in den 1980er-Jahren als Kunstrad-Duo bei Weltmeisterschaften zu zwei Gold-, drei Silber- und vier Bronzemedaillen. Dazu schauten zwei Goldene bei kontinentalen Meisterschaften heraus. Weil Sabine, ein Neujahrskind von 1970, nach dem Karriereende der um drei Jahre älteren Brigitte solo weitermachte und noch einmal WM-Dritte werden konnte, liegt sie in der internen Ländlewertung bronzedünn voran.

Europameisterschaften sind im Kunstradfahren kaum weniger kompetitiv als Weltmeisterschaften. Schließlich ist dieser Sport nicht unbedingt die Sache von Sportlern aus Übersee. "Zentraleuropa", nennt Sabine Mathis das Verbreitungsgebiet des Kunstradfahrens, obwohl es vermutlich eher aus den USA kommt, wo schon deutlich vor der Wende zum 19. Jahrhundert allerlei Kunststücke auf dem damals noch recht neuen Gerät namens Rad aufgeführt wurden – gegen Geld, versteht sich. Wo jetzt der Bartel den Most holt, zeigen die Listen der Weltmeisterinnen und Weltmeister. In ihnen finden sich ausschließlich Athleten aus Deutschland, der Schweiz, Tschechien und Österreich, obwohl sich zum Beispiel bei der verwichenen WM in Stuttgart je nach Bewerb Sportler aus 18 bis 22 Nationen um Medaillen mühten.

Duo Franz/Franz

Franz/Franz siegten 1984 auf höchster Ebene in Schiltigheim, Frankreich, und 1987 in Herning, Dänemark, jeweils vor den Deutschen Manuela Kramp und Stefanie Teuber, die dafür 1983 in Wien, 1985 in St. Gallen, Schweiz, und 1986 in Genk, Belgien, vor den Vorarlbergerinnen lagen.

In Österreich wird der spektakulären Mischung aus Akrobatik und Radsport nahezu ausschließlich im Ländle gefrönt, lediglich Radballer, die zusammen mit den Kunstradfahrern die Abteilung Hallenradsport im, nun ja, Gesamt-Drahteselverband (ÖRV) bilden, sind gelegentlich auch weiter östlich im Bundesgebiet anzutreffen. Sabine Mathis weiß von etwa 100 Aktiven auf Kunsträdern.

Nicht wenige werden wie sie selbst aufgestiegen sein – einerseits mangels Alternativen, andererseits auf Betreiben der Eltern. Sabine Mathis kommt aus Meiningen am Rhein, der ebenda den Grenzfluss zur Schweiz gibt. Das Ehepaar Erika und Elmar Franz, sie Hausfrau, er Versicherungskaufmann, suchten für ihre vier Töchter und den einen Sohn sportliche Betätigung und fanden diese in einem neu gegründeten Hallenradsportverein. Erst bildeten Dagmar und Brigitte Franz ein Duo, am Talent der kleinen Sabine kam Dagmar aber nicht vorbei, auch wegen deren Angstbefreitheit. "Ich traute mich gleich auf dem Lenker zu stehen", sagt Sabine Mathis.

Mut und Körperbeherrschung gehören zum Kunstradfahren. Und mit zunehmenden Alter auch eine künstlerische Ader, wird doch nach der Schülerklasse zu individueller Kürmusik gesportelt. Wie gut, das bewerten drei Kampfrichter, Schreiber und ein Kampfrichter-Obmann. Bewertet werden die bis zu 30 Einzelübungen, die während kräftezehrender fünfminütiger Fahrzeit auf einer 11 mal 14 Meter großen Fläche mit zwei eingezeichneten Kreisen von den Athleten auf den Rädern gezeigt werden. Jede Übung hat einen gewissen Ausgangswert, unsauber Ausführung bringt Abzüge, Bodenberührung ebenfalls. Gewertet wird auf Hundertstel genau. Bei der WM in Stuttgart kam die beste Dame auf 188 Punkte und ein paar Zerquetschte, der beste Herr auf 210 Zähler.

Teure Räder

Die Übungen auf dem in Bestausführung 2200 Euro teuren und rund zehn Kilo schweren, bremsenlosen Kunstrad, das über eine 1/1-Übersetzung verfügt und durch einen starren Gang auch das Rückwärtsfahren erlaubt, haben – nicht die einzige Parallele zum Kunstturnen – Namen. Zuweilen auch jene von verdienten Kunstradfahrern. Eine heißt Maute-Sprung, benannt nach dem legendären fünffachen deutschen Weltmeister Dieter Maute.

Der Sprung aus dem Sattel- in den Frontlenkerstand ist keine Kleinigkeit und wurde jüngst Adriana Mathis zum Verhängnis. Die Tochter von Sabine Mathis, Einzelweltmeisterin von 2015, zog sich bei seiner Ausführung im Training einen Kreuzbandriss im linken Knie zu und konnte ihren in Johor, Malaysia, geholten Titel in Stuttgart nicht verteidigen.

Ihre Mutter und Trainerin, die hauptberuflich als Bankbeamtin in Rankweil wirkt, will dennoch nicht von hoher Verletzungsgefahr im Kunstradsport sprechen. "Adriana hat in den 15 Jahren vor ihrer Verletzung nie etwas gehabt." Ungesichert würden solch extrem schwierige Übungen schließlich erst gezeigt, wenn sie am Sicherungsseil hängend "bei zehn von zehn Versuchen" gelungen sind. Am sportlichen Aufkommen von Adriana hat Sabine Mathis keinen Zweifel, auch weil die Tochter "vielleicht ehrgeiziger ist, als ich es war". Wie lange sich die 22-Jährige den trainingsintensiven und wahrlich nicht lukrativen Sport – die Entsendungen und das Material können gerade noch fremdfinanziert werden – geben wird, ist die Frage.

Es ist aber auch recht wahrscheinlich, dass der Name Mathis im Kunstradfahren auf lange Zeit seinem guten Klang nicht verlieren wird, überhaupt, wenn man sich die Namen Franz und Kühne dazudenkt. Kinder von Kunstradfahrern neigen offenbar dazu, im Metier zu bleiben. Immerhin, Brigitte Franz-Kühne hat einen Sohn, der Fußballer wurde: Simon Kühne, der als Teamspieler von Liechtenstein erfolgreich quasi aus dem Family-Business geschlagen ist. (Sigi Lützow, 20.12.2016)

  • Von Mutter Sabine war absolut kein Bild aufzutreiben, aber Tochter Adriana Mathis ist auch eine Meisterin auf dem Kunstrad. In diesem Sport fällt der Apfel wirklich nicht weit vom Stamm, die Liebe wird quasi vererbt. Vor allem in Vorarlberg. Reich wird man damit nicht, es macht trotzdem Spaß
    foto: picturedesk.com / salek

    Von Mutter Sabine war absolut kein Bild aufzutreiben, aber Tochter Adriana Mathis ist auch eine Meisterin auf dem Kunstrad. In diesem Sport fällt der Apfel wirklich nicht weit vom Stamm, die Liebe wird quasi vererbt. Vor allem in Vorarlberg. Reich wird man damit nicht, es macht trotzdem Spaß

  • Sabine Mathis war als Sabine Franz zweimal Weltmeisterin.
    foto: privat

    Sabine Mathis war als Sabine Franz zweimal Weltmeisterin.

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