Geschichtsreise zur Genesung

18. Dezember 2016, 16:28
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Die Philharmoniker unter Barenboim gaben Smetana

Wien – Wenn man mit letzten Kräften der mentalen und emotionalen Herausforderung Weihnachten entgegentaumelt, kommt ein Konzert der Wiener Philharmoniker mit Musik von Smetana im Programm zur Stärkung ganz recht. Die gülden strahlende Pracht des Blechs gleicht das Lichtdefizit ein wenig aus, die Streicher bemühen sich, mit ihrer klanglichen Wärme die Kälte vergessen zu machen. Schon geht es wieder besser, für ein paar Augenblicke.

Was genau gespielt wurde? Má Vlast (Mein Vaterland), die sechs späten Symphonischen Dichtungen des tschechischen Komponisten aus Kakanien. Daniel Barenboim leitete am Samstagnachmittag Smetanas romantische Expedition in die Geschichte und die Geografie seines Landes und präsentierte die liebevollen Landschaftsmalereien, düsteren Historienbilder und schillernden Sagenfiguren in edelster klanglicher Ausleuchtung.

Akustik-Spa

Als Startsignal plingten und rauschten die Harfen aufs Prächtigste, die ersten seelischen Verspannungen lösten sich, man gab sich freudvoll hin im Akustik-Spa des Großen Musikvereinssaals. Smetanas Klänge erzählten von Wehmut und Stolz, man nahm die starken Schwellungen wahr, die Barenboim dem Hauptthema der Moldau angedeihen ließ. Bei der Passage der Bauernhochzeit stellte man eine dynamisch-vitale Atmosphäre fest: Da schien aber noch nicht viel getschechert worden zu sein! Der Auftritt der mythischen Amazone Sárka geriet in gemäßigter Weise dramatisch: Da fliegen in manchem häuslichen Ehestreit die Fetzen deutlich heftiger. Aus Böhmens Hain und Flur hörte man kurz darauf die Vögel leise im Fugato zwitschern.

Die letzten beiden Ausflüge in die Geschichte der Hussiten waren dominiert von Ernst und zeremoniellem Gepräge. Die Pauke beeindruckte in Tábor durch nobel-explosive Dynamik, in Blánik kitzelte das stete Bimmeln des Triangels das Ohr, dazu gab es Beckenschläge, so dezent wie das Niesen eines Kätzchens. Nach etwa einer Stunde wurde das klangliche Therapeutikum beinahe zum Narkotikum, doch eine Welle begeisterten Applauses erfrischte schlussendlich wieder aufs Neue. (Stefan Ender, 18.12.2016)

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