Thomas Glavinics "Mugshots": Wachteleier sind nicht für alle da

    18. Dezember 2016, 15:54
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    Im Volx/Margareten wurde das Stück uraufgeführt, der Autor ist zugleich für die Regie zur Verantwortung zu ziehen

    Wien – Der antike Ödipus war unwissend blind. Zufolge eines grausam über ihn verhängten Geschicks meuchelte er den Vater und beschlief die Mama, ohne von der Ungehörigkeit seines Tuns das Geringste zu ahnen. Christoph heißt der Held in Thomas Glavinics Mugshots. Mit ihm verfährt das Schicksal deutlich freundlicher als mit Ödipus. Der Agenturarbeiter erwacht nach durchzechter Nacht neben einem verführerischen Frauenzimmer. Er hat nur nicht mehr die blasseste Ahnung, wie die Bettgespielin unter seine Decke geschlüpft sein könnte.

    Das Fatum der alten Götter wird in diesem Nichts von Stück durch den neuzeitlichen "Filmriss" ersetzt. Man setzt sich mit den Folgen des eigenen Handelns in ein Benehmen und kann doch nicht glauben, dass man selbst es war, der sich zu so viel Unverantwortlichkeit hat hinreißen lassen.

    Flaschenspalier

    Im Volx/Margareten wird das posttoxische Kammerspiel mit dem heiligen Ernst einer Wolfgang-Bauer-Uraufführung in Szene gesetzt. Auf Hans Kudlichs Bühne stehen allerhand leere Flaschen Spalier. Eine frei stehende Küchenzeile macht deutlich, welchen Stellenwert im gehobenen Single-Haushalt unserer Tage die elaborierte Ernährung genießt.

    Vor allem aber ist Christoph (Christoph Rothenbuchner) kein rechter Sympathieträger. "Nasti" (Nadine Quittner) eröffnet ihm zögerlich, eine ukrainische Prostituierte zu sein. Er selbst habe sie aus den Klauen ihres Zuhälters befreien wollen. Ihr neuer Gönner gleicht einem Woody-Allen-Zausel, er ist nur vollkommen witzbefreit.

    Der Hausherr reagiert nicht eben geschockt, aber doch nicht so, als müsse er Anastasias wegen jetzt sein Leben umkrempeln. Wiewohl Quittner sich alle Mühe gibt, verschmitzt-verschmollt die Bardot zu geben und zugleich ein patenter Kumpel zu sein. Leider Gottes verwendet sie zur Herstellung eines Omeletts versehentlich Christophs Wachteleier. Damit ist der Gipfel der Dramatik auch schon erklommen.

    Notregisseur

    Und so beobachtet man zwei junge Menschen dabei, wie sie den Anweisungen ihres Notregisseurs (Autor Glavinic) tapfer Folge leisten und dabei furchtbar alt aussehen. (Der ursprünglich vorgesehene Spielleiter Lukas Holzhausen hatte sich ja aus dem Staub gemacht.)

    Thomas Glavinics Romane beziehen ihren beträchtlichen Reiz aus der Tatsache, dass ihr Autor häufig mit Realien hantiert, die den hiesigen Verhältnissen zum Verwechseln ähnlich sehen. Der Titel Mugshots bezieht sich obendrein auf die entstellenden US-Polizeifotos von Tatverdächtigen.

    Unser Stück hier geizt nicht mit saurem Erbauungskitsch: "Man muss Gutes tun, sonst ist man nur kein schlechter Mensch", nölt Nasti in Richtung ihres vermeintlichen Befreiers. "Liebe ist ein Risiko", tönt es zu anderer Gelegenheit. Man fühlt sich sehr wienerisch. Man möchte blind und taub werden ob solcher Plattitüden. Nur mitleidig erregt oder heilsam geängstigt fühlt man sich nicht.

    Noch wird die Liebe, die Thomas Glavinic, der wunderbare Alpen-Nabokov, zum Theater gefasst hat, von diesem nicht erwidert. Aber wer weiß, vielleicht erwacht er eines Tages, und die Bühnenkünste stehen ihm zu Gebote und sind ihm zu Willen ... Das prominent besetzte Publikum am Margaretener Hundsturm raste schier vor Begeisterung. (Ronald Pohl, 18.12.2016)

    • Nadine Quittner und Christoph Rothenbuchner beim morgendlichen Kennenlernen nach der nächtlichen Zusammenkunft.
      foto: robert polster / volkstheater

      Nadine Quittner und Christoph Rothenbuchner beim morgendlichen Kennenlernen nach der nächtlichen Zusammenkunft.

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