Geklärt: Das Christkind heißt Erwin

Kolumne18. Dezember 2016, 09:00
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Die Doktrin von der Christkindlichkeit Prölls wurde zwar noch von keinem Konzil auf ihre Orthodoxie abgetastet, ist aber gut untermauert

Ein tierischer Zug scheint in der österreichischen Politik Eingang zu finden. Noch Frischling in der Regierung, gestand der Bundeskanzler nun im "Falter": "Ich häng nicht an der Politik wie die Sau am Leben." Vielleicht schwang da in ihm die Erinnerung an einen mit, der das vielleicht doch tut und diese Anhänglichkeit in die Worte goss: "In mir wurde ein schlafender Bär geweckt", wobei bisher nicht herauszufinden war, ob es sich bei ihm um einen Saubären im Sinne des Bundeskanzlers oder um ein NLP-weichpräpariertes Gummibärli handelt.

Die Sekte in Niederösterreich

Den Ruhm des Bärenerweckers kann eindeutig der Vizekanzler für sich in Anspruch nehmen, wurde er ihm doch aus dem Bärenzwinger heraus förmlich aufgedrängt. Dennoch hatte die "Kronen Zeitung" am Sonntag im Übereifer, bei ihrer spirituellen Dauerleihgabe an die Leser nur ja nicht zu spät zu kommen, Wichtigeres zu feiern: Ein Christkind wird 70. Am 24. 12. feiert Erwin Pröll Geburtstag.

Das mit dem Christkind ist keine Übertreibung, so etwas würde dem Blatt niemals einfallen. Aber es soll zumindest in Niederösterreich Menschen geben, die dem Landesvater Einfluss sogar bis hinauf zum Himmelvater zutrauen. Unverständlich, dass diese Sekte auf Niederösterreich beschränkt sein soll, aber immerhin ein Beweis der religiösen Organisationsdichte der dortigen ÖVP.

Erwin Prölls Christkindlichkeit

Die Doktrin von der Christkindlichkeit Erwin Prölls wurde zwar noch von keinem Konzil auf ihre Orthodoxie abgetastet, ist aber gut untermauert durch ein Ereignis aus seiner Kindheit, das Kindheitserzählungen aus dem Leben Jesu als langweilig erscheinen lässt. Schon Erwin Prölls erster öffentlicher Auftritt hatte etwas Historisches, man möchte meinen, Richtungsweisendes, bibelte eine gewisse Edda Graf vor sich hin. Es begab sich Anfang der 50er-Jahre (der genaue Tag ist nicht überliefert), als sich Bundeskanzler Leopold Figl zum Weinlesefest im niederösterreichischen Ziersdorf einfand, zu dem auch noch der damals ungemein populäre Heinz Conrads erwartet wurde. Der Bundeskanzler und der Conférencier an einem Ort! Das ließ die (heilige?) Weinbauernfamilie Pröll aus dem 0,8 km Luftlinie entfernten Nachbarort Radlbrunn anreisen. Irgendwann im Getümmel griff der Bundeskanzler von seinem Festtagswagen hinab in die jubelnde Menge, um einen kleinen Buben emporzuheben: "Da, Kloaner, kumm aufa, damit'st was siehst!" Es war – das Wunder von Ziersdorf – der kleine Erwin und sein erster öffentlicher Auftritt.

Im Radlerdress in der Basilika

Wer weiß, was aus Erwin Pröll geworden wäre, hätte nicht der Bundeskanzler, sondern der damals ungemein populäre Heinz Conrads in die jubelnde Menge gegriffen, um den kloanen Erwin emporzuheben.

Sursum corda, er könnte schon Conférencier sein! So aber muss er sich bildlich als Sportler feiern lassen, einmal in tadellosem Putin-Stil mit nacktem Oberkörper bei der Trikot-Verleihung an den topfitten Radler, einmal im gelb-blauen Radlerdress in der Basilika Sonntagberg. Da steht er mit andächtig überkreuzten Händen vor dem Altar, den Blick fromm erhoben, dem Vater ein Wohlgefallen.

Hans Dichand und Helmut Zilk

Und noch eine Naturalreliquie, die die "Krone" in regelmäßigen Abständen ihren Lesern zur Verehrung vorsetzt, galt es zu feiern. Helmut Zilk prägte als außergewöhnlichster Politiker Medien, die Donaumetropole und ganz Österreich, nicht als Christkind, aber immerhin als Charismatiker. Und nicht nur das: In den Nachkriegsjahren holte Zilk Wien aus dem Dornröschenschlaf! Aber das Wichtigste war doch: Freunde fürs Leben: Hans Dichand und sein Ombudsman. Keine Angst vor Auferstehung – es war nur Propaganda für ein Buch.

Er würde auch in der Fastenzeit heiße Würstel segnen

Und noch einer hat es als Bild der Woche in diese Prachtausgabe der "Krone" geschafft. Dessous mit Gottes Segen? Sündige Negligés, kesse Stringtangas und Push-up BHs. So mancher "Seitenblicke"-Seher traute seinen Augen nicht, als Toni Faber, der hier die Qualität der Ware prüft, den neuen Palmers-Shop in Wien segnete.

Er gibt Papst Franziskus als Vorbild an, und ist sich sicher, er hätte nichts dagegen. Aber einer, der päpstlicher ist als der Papst, schlief nicht. Ein Bild, das verstört, beanspruchte Michael Jeannée in derselben Ausgabe die Meinungsfreiheit, für die die "Krone" berühmt ist. Und erteilte dem Dompfarrer einen Rüffel, von tiefer sittlicher Empörung getragen. Unser feines Blatt, Herr Dompfarrer, verzichtet im Advent auf Po und Busen, auf die Nackte. Wir wissen, was wir tun. Sie segnen im Advent heiße Höschen. Er würde auch in der Fastenzeit heiße Würstel segnen. (Günter Traxler, 18.12.2016)

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    foto: red
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