Welt, Bild – und ein Postfaktotum

Kommentar der anderen18. Dezember 2016, 11:06
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Das Geraune über das postfaktische Zeitalter ignoriert völlig, wie das menschliche Gehirn "Realität" konstruiert: Wir suchen uns "Fakten", die zu unseren Weltbildern passen. Insofern eignet sich der scheinbar alles erklärende Begriff zu allem und zu nichts

Ein Gespenst geht um in der Welt: das postfaktische Zeitalter. Dieser Begriff unterstellt, dass es objektive Fakten gibt, die bei vernünftigem Nachdenken unwiderlegbar "faktisch" sind. Das Verhalten der Wähler der extremen Rechten wird damit erklärt: Sie wählen unbeirrt von Fakten nur aufgrund von Emotionen. Leider ist der resultierende Schluss, die Restwählerschaft würde – getragen von den Ideen der Aufklärung – Fakten mithilfe der Vernunft abwägen und eine rationale Entscheidung treffen, eher hanebüchen.

Scheinrational

Diese Folgerung widerspricht der Tatsache (deren Faktizität viele bestreiten werden), dass der Mensch hochgradig scheinrational handelt. (Was übrigens nichts Neues ist. Wer glaubt ernsthaft, dass die Mehrzahl einstiger Kreisky-Wähler auf Basis vernunftgeprägter Abwägung die Stimme abgab?) Entscheidender aber ist, dass die Argumentation mit dem angeblich postfaktischen Verhalten ignoriert, wie das menschliche Gehirn "Realität" konstruiert.

Welche Fakten wir akzeptieren, ist vielfältig determiniert. Aus dem umfangreichen Faktenangebot wählen wir jene, die unsere Weltsicht bestätigen. Aus den unendlich vielen möglichen "Wirklichkeiten" basteln wir unsere exklusive Realität. Die Methode der Naturwissenschaften, sich mit Versuch und Irrtum mühevoll an eine bis zu ihrer Widerlegung stimmige "Wahrheit" heranzutasten, funktioniert im "normalen" Leben (ist gleich: bei sozialen Phänomenen) nicht.

Jedes menschliche Gehirn bastelt seine eigene Wirklichkeit, die es für faktengestützt hält. Für den islamistischen Selbstmordattentäter sind die auf ihn wartenden Jungfrauen Fakt. Für Nazis ist die Existenz der "Weisen von Zion" unwiderlegbar, und wer das als Unsinn einstuft, ist immun gegen Tatsachen. Chemtrail-Jünger halten sich in ihrer subjektiven Sicht an Fakten. Wer die Freimaurer als sinistere Dunkelmänner-Clique sieht, wird dafür ebenso "Fakten" finden wie jene, die diesen Verein als Ansammlung skurriler Herren einschätzen, die in Maureradjustierung kindische Rituale abziehen. Die Entschluss, für welche "faktengestützte" Variante man sich entscheidet, hängt wenig von der Validität der Fakten, sondern hochgradig vom eigenen Weltbild ab.

Gegen die Konstrukte des Gehirns lässt sich kaum argumentieren. Die Rote Armee Fraktion wähnte sich in der BRD im Faschismus und agierte entsprechend. Die "brutale" Antwort des Staates bestätigte der RAF, im faschistischen Staat zu leben. Ihre selbstkonstruierte Realität ließ sie die Welt genau so erleben, wie sie imaginiert wurde. Für einen RAFler war die Faktenlage eindeutig.

Wütende Gegner der "Lügenpresse" kann man nicht mit widersprechenden Fakten überzeugen; sie bedienen sich leidenschaftlich genau jener Medien wie Facebook, die als Brutstätte von Lügen und Fehlinformationen gelten. Für Facebook-affine FPÖ-Adoranten ist es evident, dass das Ergebnis des dritten Präsidentenwahlgangs ein gefälschtes ist. Das Geraune auf Facebook gerinnt diesen Leuten zum Faktum. Sie handeln aus ihrer Sicht keineswegs "postfaktisch".

Wahrheit und Standpunkt

Selbst Fakten, auf die man sich einigen kann, offenbaren im Auge des Betrachters unterschiedliche "Wahrheiten". Wo der Wirtschaftsliberale dank Globalisierung hunderte Millionen der bittersten Armut entronnen sieht, rechnet der Globalisierungsskeptiker die auf der Strecke Gebliebenen gegen. Gleiche Faktenlage, unterschiedliche Folgerungen. Oder: Es gibt keine "objektive" Interpretation der Daten zur Pensionsproblematik. Je nach politischer Ausrichtung, interpretiert man selbst unumstrittene Fakten unterschiedlich. Ähnlich funktionieren die Verschwörungstheorien von FPÖ und Konsorten. Geschlossene Weltbilder produzieren exklusive Fakten, eine exklusive Realität. Die Akzeptanz von Fakten hängt vom eigenen Standpunkt – altmodisch: der eigenen Weltanschauung – ab.

Insofern ist die These, nicht jeder FPÖ-Wähler sei ein "Rechter" (mit der sich manche SP-Granden die FPÖ-Wähler schönreden), infrage zu stellen. Es ist die spezifische Weltsicht bestimmter Menschen, die sie bestimmte "Fakten" als faktisch einstufen lässt und zu Wählern der extremen Rechten macht. Mag sein, dass manche dieser Wähler einst eine "linke" oder "mittige" Sicht auf die Welt hatten. Der FPÖ ist es gelungen, diese Weltsicht zu verändern.

Das Gegenmittel ist nicht die Diskussion über Fakten, sondern die Änderung der Weltsicht der Wähler. Das bedeutet Rückbesinnung auf die Grundsätze von Sozialdemokratie und Christlich-Sozialen sowie den Kampf um die Weltsicht der Wähler. Wenn es FPÖ und Co gelungen ist, das Spektrum der Weltanschauungen deutlich nach rechts zu verschieben, dann ist natürlich auch der Rückweg möglich.

Konsens finden

Es geht darum, einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu finden, was wir für "faktisch" halten. Dazu müssen die geschlossenen rechten Weltbilder aufgebrochen werden – auf Basis realer Erfahrung und realen Erlebens als Folge real geänderter Politik. Worte allein werden nicht helfen.

Dabei gilt es, eine paradoxe Erkenntnis zu berücksichtigen: Der Begriff "postfaktisch" ist selbst genau das, was zu beschreiben er vorgibt. (Michael Amon, 16.12.2016)

Michael Amon (Jahrgang 1954) lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Der Romancier und Essayist ist außerdem geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Steuerberatungskanzlei. Der vierte Band seiner "Wiener Bibliothek der Vergeblichkeiten" (Echomedia-Buchverlag), "Der Preis der Herrlichkeit", wird im Frühsommer 2017 erscheinen.

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