Ein Vibrator auf Krankenschein

18. Dezember 2016, 09:00
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Seit 16 Jahren organisiert Margarete Grabner Sextoy-Partys für Frauen und ermutigt sie, über ihre erotischen Bedürfnisse zu reden

Es brummt und surrt, als sei ein Schwarm Bienen im Raum. Sieben Frauen, alle Ende zwanzig, haben es sich an diesem Freitagabend auf einer Polstergarnitur gemütlich gemacht. Eine Bogenlampe beleuchtet das in hellen Farben eingerichtete Wohnzimmer, Prosecco wird gereicht.

Zwanglose Atmosphäre, man kennt sich schon lange, duzt sich. Mitten unter ihnen ist Margarete Grabner, Ende vierzig, mit freundlich lächelnden Augen, aufrechter Körperhaltung, dunklem Sakko und Marlene-Dietrich-Hose. Alle lauschen gebannt, wenn sie über weibliche Lust spricht und darüber, wie wichtig es ist, "dass Frauen wissen, was ihnen beim Sex gefällt".

Während sich Gastgeberin Magdalena noch Sorgen macht, dass ihr Vater heute Abend unerwartet vorbeikommen könnte, sitzen ihre Freundinnen auf dem großzügigen Ecksofa und befühlen bunte Dildos und rotierende Vibratoren.

Seit mehr als 16 Jahren wird Margarete Grabner regelmäßig für Homepartys in Wien und Umgebung gebucht. Sie trifft dann mit großem Gepäck ein. Aus ihrem schwarzen Trolley packt sie allerhand, was sie unter ihrem Label auch im Internet vertreibt: Vibratoren und Dildos – aus weichem Silikon oder hartem Plexiglas, sogenannte Lustfinger und Liebeskugeln, Brustklammern und Kugelketten, Penisringe und Bondage-Seile, Federgerten und Lederpeitschen. All das breitet sie auf einem roten Samttuch aus, das sie über einen dunklen Holztisch geworfen hat.

Geschichte des Olisbos

"Dildos gab es schon in allen Zeiten und Kulturen, um Frauen zu erfreuen", sagt Margarete, die ursprünglich Kunst und Philosophie studiert hat. Dann startet sie ihren Exkurs zur Geschichte des Olisbos, wie der Sexartikel im antiken Griechenland genannt wurde. Darüber, wie er in der chinesischen Medizin verwendet wurde und wie ihn die katholische Kirche verfemt hat.

Getarnt als medizinisches Gerät, wurde er bis in die 1920er-Jahre in den USA eingesetzt, um Verspannungen zu lösen und einem damals klassischen "Frauenleiden", der Hysterie, vorzubeugen. "Wäre das schön, wenn Krankenkassen das heute noch finanzieren würden", seufzt Margarete.

Gastgeberin Magdalena ist sichtlich zufrieden. Die Gedanken an den Vater sind längst verflogen. Mit ausgestreckten Beinen sitzt sie auf ihrem sandfarbenen Fauteuil und nippt am Prosecco. Auch ihre Freundinnen amüsieren sich. Celine, Tina und Theresa richten immer wieder Fragen an Margarete.

Mirjam und Sabina kreuzen schon mal einzelne Produkte im von Margarete ausgeteilten Katalog an. Und Katharina genießt merklich das Szenario und erzählt, welche Toys sie schon zu Hause im Schrank hat. Nur Anna wirkt zurückhaltend und schaut skeptisch, so als hätte sie sich noch nicht entschieden, was sie von dieser Darbietung halten soll.

Was in keinem Haushalt fehlen soll

"Ein klassischer Stabvibrator sollte in keinem Haushalt fehlen", sagt Margarete und präsentiert das Modell Galant, einen weißen, leisen Silikonvibrator. Wasserdicht. Batteriebetrieben mit verschiedenen Vibrationsstufen. Man kann die Spielzeuge über das Internet bestellen – doch im Grunde ist Margaretes Sortiment noch immer von der klassischen Sorte. Über Smartphones gesteuerte Vibratoren, sogenannte "Teledildonics", über die kürzlich sogar die "New York Times" berichtet hat, hat Margarete nicht im Repertoire.

Während große Handelsketten wie Beate Uhse oder Orion den heimischen Erotikmarkt bestimmen, setzt sie auf ein kleines Segment: "Ein entspannter Rahmen ist wichtig, um ohne Scheu über die eigenen erotischen Bedürfnisse zu reden." Statt gemischter Runden bevorzuge sie Frauenpartys. In einer Welt, in der weibliche Sexualität jahrhundertelang als von Männern abhängig erachtet wurde, sei es keine Selbstverständlichkeit, über die Lust der Frauen zu reden.

1998 eröffnete Grabner den ersten Frauenerotikshop in Wien. Von Anfang an war ihr Laden nicht ausschließlich als Point of Sale konzipiert, sondern als "Ort der (Wieder-)Kultivierung weiblicher Erotik". Im Laufe der Jahre spezialisierte sie sich auf Beratung für Frauen. Dabei gehe es ihr nicht nur um sexuelle Freiheit, sondern auch um Beziehungsnormen, Körperideale und mediale Bilder.

Ihre Empfehlung an Frauen in sexuellen Beziehungen: "So egoistisch wie möglich sein." Frauen machten sich im Bett zu viele Gedanken: "Darf ich das? Mag er das? Wie sehe ich dabei aus?" seien die dominierenden Fragen.

Mythos oder Wirklichkeit

"Der G-Punkt ist ein Mythos, oder?", fragt Magdalena. "Nein, den gibt es wirklich", doziert Margarete. "Er befindet sich fünf Zentimeter vom Scheideneingang entfernt, bauchwärts direkt hinter dem Schambein." Eher eine Region als ein Punkt. Benannt nach Ernst Gräfenberg, einem deutschen Arzt. Und, sagt Geschäftsfrau Margarete: Silikonvibrator G-Punkt Intense stimuliere ihn. Dazu rotierende Modelle mit Zusatzstimulation für die Klitoris. Denn: "Die Klitoris ist die Königin der ganzen Geschichte."

Hat der kommerzialisierte Sexkonsum die westliche Welt tabufreier gemacht? Was hat sich geändert? Nichts, meint Margarete. Viele Frauen würden erschreckend wenig über ihren Körper und ihre Bedürfnisse wissen. Das zeige sich auch in den Seminaren, die sie zum Thema "Die Lustgebiete der Frau" anbiete.

Ein halbes Dutzend Prosecco-Flaschen später ist noch immer ein surrender Vibrator zu hören. Noch einmal nimmt Magdalena das Modell Beauty in die Hand und vergleicht es mit dem Modell Elegant. "Hier sollte man nicht sparen", meint Katharina. Die Freundinnen füllen den Bestellschein aus. (Christine Tragler, 18.12.2016)

  • "Die Klitoris ist die Königin der ganzen Geschichte", sagt Margarete Grabner.
    foto: heribert corn

    "Die Klitoris ist die Königin der ganzen Geschichte", sagt Margarete Grabner.

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