Welche Mütter brauchen Scheidungssöhne?

Kolumne18. Dezember 2016, 16:48
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Damit Söhne lernen, respektvoll mit Frauen umgehen, brauchen sie Mütter, die ihre eigenen Bedürfnisse verteidigen. Dafür kann es nötig sein, sich manchmal als "schlechte Mütter" zu fühlen

Frage:

Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Burschen (18 und 20 Jahre) und seit acht Jahren geschieden.

Der Vater ist eher ein "Hobbyvater", den wir unregelmäßig sehen und wenig gesehen haben, von dem ich grundsätzlich nichts verlange und mir auch nicht mehr erwarte. Die letzten vier Jahre hatte ich eine gute Beziehung zu meinen Söhnen. Sie unterstützen mich beide ein wenig im Haushalt und kümmern sich auch um ihre eigene Wäsche.

Was mich beunruhigt, ist mein unorganisierter Älterer. Er neigt zu lauten Überreaktionen. Oft fliegen dabei Gegenstände, oder Türen werden laut zugeknallt. Manchmal ignoriert er uns auch tagelang und lässt seinen Mist überall liegen. Ich habe Angst, dass er die Mentalität seines Vaters geerbt hat. Mein Exmann war kein angenehmer Partner, mit üblen Launen und Gefühlsausbrüchen.

Bei meinem 20-jährigen Sohn ist es nicht ganz so schlimm, aber es kommt ein Gefühl in mir hoch, dass mich sensibel sein lässt. Egal, wie ernst ich versuche, mit ihm zu reden, er sieht mich ironisch lächelnd an. Er ist generell sehr ironisch und ich weiß nicht wirklich, was er sich dabei denkt. Gleichzeitig frage ich mich, ob es sein Weg sein wird, lustig und sarkastisch zu sein. Das macht mich traurig und ich fühle mich, als hätte ich als Mutter versagt.

Ich versuche mich daran zu erinnern, wie er mit 15 Jahren war und ihn nicht mit seinem Vater zu vergleichen. Ich versuche herauszufinden, wo ich Fehler gemacht habe oder zu weit gegangen bin. Hat meinen Söhnen ein männliches Rollenbild in ihrer Adoleszenz gefehlt? Haben sie nicht gelernt, wie ein erwachsener Mann sich einer Frau gegenüber verhalten soll? Ich bin sehr verwirrt, ob es nun an ihm liegt, ob mit mir etwas falsch ist – oder beides? Ist unsere Situation normal mit Kindern in diesem Alter?

Antwort

Es ist nichts falsch an Ihren zwei Söhnen. Sie sind relativ typisch für Burschen, die mit einer überflexiblen Mutter und einem abwesenden Vater zu tun haben. Ich kann nicht beurteilen, ob ihr Sohn einen Hang zur Ironie hat. In Ihrer Familie geht es nicht um Ihren Ex-Mann und seine Rolle; es geht um Ihre Beziehung zu jedem Ihrer Söhne, die tatsächlich noch nicht wissen, wie "ein erwachsener Mann sich Frauen gegenüber verhält." Daher sind nun Sie als Frau gefragt.

Vergessen Sie für einen Moment Ihre Ambitionen als Mutter. Es ist jetzt an der Zeit, dem ältesten Sohn in die Augen zu sehen und ihm in Ihren eigenen Worten etwa Folgendes zu sagen: "Wenn Du weiterhin bei mir wohnen willst – und Du bist herzlich dazu eingeladen – gibt es dafür einige neue Bedingungen. Ich höre auf, Deine Mutter zu spielen, und Du hörst auf, Teenager zu spielen. Ich bin Deine ironischen Kommentare leid. Es gibt ein paar Punkte, die unsere Kommunikation und Zusammenleben betreffen, die ich gerne mit Dir besprechen möchte." Geben Sie ihm die Möglichkeit einer kurzen Reaktion.

Egal, was seine Antwort darauf ist, könnten Sie ihm dann Ihre "Liste" geben. Sie sollte die fünf Hauptanforderungen für sein Verhalten enthalten. Jeder Punkt muss mit "Ich will ..." beginnen. Schreiben Sie nur, was Sie wollen, und nicht das, was Sie nicht wollen! Lesen Sie die Punkte ein paar Mal durch und spüren Sie nach, ob es wirklich das ist, was Sie wollen. Wenn Sie sich dabei wie eine "schlechte Mutter" fühlen, sind Sie auf dem richtigen Weg!

Ihr Sohn wird etwas Wichtiges lernen: Wie er respektvoll mit Frauen umgeht. Und Sie werden etwas Wichtiges darüber lernen, wie Sie mit einem Mann in Beziehung treten, ohne es von der (seiner) Fähigkeit und seinem Willen abhängig zu machen, zwischen den Zeilen lesen zu können. (Jesper Juul, 18.12.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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