Menschen sind nicht behindert – sie werden behindert

Gastkommentar17. Dezember 2016, 09:00
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Vor wie vielen Barrieren Menschen mit sogenannter geistiger oder körperlicher Behinderung stehen, entscheiden wir

Finden Sie es auch wichtig, selbst über Ihr Leben zu entscheiden? Mit wem Sie zusammenleben zum Beispiel, welchen Beruf Sie lernen und wie Sie Ihre Freizeit verbringen? Was für eine banale Frage, denken Sie vielleicht. Das ist doch selbstverständlich. Dabei vergessen wir leicht: Der Faktor, der unser aller Leben am entscheidendsten beeinflusst, ist jener, wo wir geboren werden. In welche Familie, in welchem Land, mit welchem Körper und Kopf.

Ureigene Rechte

Wenn ich Ihnen hier meine Geschichte erzähle, dann als Beispiel für einen Start ins Leben, wie es viele gibt. Hineingeboren in eine kleinbäuerliche Familie in der damals ärmlichen südlichen Steiermark, gab es nichts von dem, was man gemeinhin für die bildungsförderliche Frühkinderziehung für notwendig hält. Als ich in die Schule kam, verstand ich kaum ein Wort, denn die deutsche Sprache meiner Lehrerin hatte wenig gemeinsam mit dem regionalen Dialekt meiner Kindheit.

Aber Eltern und Lehrerinnen glaubten an mich, und seit meiner Jugend treffe ich die wichtigen Entscheidungen für mein Leben selbst. Nicht alle meine Entscheidungen waren wirklich gut. Einige sogar richtig schlecht. Alle hatten sie großen Einfluss auf mein Leben. Sie werden mir das auch ohne intime Geständnisse glauben. Vielleicht kennen Sie das sogar von sich selbst? Jedenfalls hoffe ich auf Ihre Zustimmung, wenn ich behaupte, dass niemand das Recht gehabt hätte, mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe, seitdem ich erwachsen bin.

Selbst über unser Handeln zu bestimmen, eigene Entscheidungen zu treffen gehört zu unseren ureigenen Rechten. Ganz egal, ob diese Entscheidungen gut sind für uns oder schlecht. Aber das ändert sich von Grund auf, wenn unser Leben nur ein klein wenig anders beginnt. Ein zusätzliches Chromosom zum Beispiel oder zu wenig Sauerstoff bei der Geburt. Dann entscheiden andere über unser Leben.

Wir glauben nicht an sie

Stellen Sie sich vor, jemand anderer entscheidet, wo Sie leben sollen, mit wem Sie Ihre Wohnung teilen, ob und wo Sie arbeiten dürfen und wann Sie heute Abend ins Bett gehen müssen. Jeden Tag werden Sie von anderen Menschen beobachtet und beurteilt, ob Sie fähig sind, die volle Verantwortung für Ihre Entscheidungen zu übernehmen. Ob Sie wirklich abschätzen können, was Ihre Entscheidungen für Ihr Leben bewirken werden. Das ist es, was wir mit Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung ständig tun.

Wir glauben nicht an ihr Potenzial. Wir sind uns sicher, dass diese Menschen niemals Karriere machen, forschen oder studieren können. Wir glauben nicht einmal, dass sie unsere Produkte kaufen oder unsere Dienstleistungen nutzen können. Stattdessen weisen wir ihnen spezielle Einrichtungen zu, wo sie mit Ihresgleichen leben und sich beschäftigen sollen.

In einer derartigen Einrichtung habe ich mit siebzehn Jahren mein erstes Ferialpraktikum verbracht. Selbst noch grün hinter den Ohren, bekam ich plötzlich die Aufgabe und damit verbunden die Macht, 40-jährigen Frauen zu sagen, ob wir jetzt spazieren gehen werden, wie viel sie essen dürfen und wann sie ins Bett gehen sollen. Eines Abends forderte ich in meinem jugendlichen Übermut die mir anvertrauten acht Frauen auf: "Wisst ihr was? Heute bestimmt jede von euch selbst, wann sie ins Bett geht." Die Damen lachten über meinen lustigen Vorschlag. Aber als sie merkten, dass es mir ernst war, sahen sie mich verständnislos an. Solche Dinge selbst zu entscheiden war außerhalb ihres Vorstellungsraums.

Barrieren, die wir nicht sehen

Diese Unverhältnismäßigkeit, dieser krasse Unterschied an Handlungsfreiheit zwischen meinem Leben und dem Leben dieser Frauen haben mich zutiefst berührt und verstört. Und das ist auch der Grund, warum Barrierefreiheit für mich eine Frage der Menschenrechte ist. Sie fragen sich jetzt wohl, was Barrierefreiheit mit dem selbstbestimmten Schlafengehen zu tun haben soll? Nun: Wann sie schlafen gehen, dürfen mittlerweile wohl die meisten behinderten Menschen selbst entscheiden. Aber über die wirklich wichtigen Dinge in ihrem Leben entscheiden immer noch andere. Möglicherweise auch Sie. Selbst dann, wenn Sie noch nie mit einem behinderten Menschen näher zu tun hatten. Und zwar dadurch, wie Sie und ich, also wir alle unsere Umwelt gestalten. Wie viele Barrieren wir – möglicherweise ohne es zu wissen – darin aufgebaut haben.

Wenn wir Häuser so planen, dass Menschen im Rollstuhl nicht hineinkommen, dann können diese nicht mehr selbst entscheiden, ob sie an dem teilhaben möchten, was hier drinnen passiert. Sie sind von vornherein ausgeschlossen.

Wenn wir über unsere Dienstleistungen und Produkte so schwer verständlich informieren, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten nichts verstehen, dann können diese nicht mehr selbst bestimmen, ob unsere Angebote interessant für sie wären. Sie erfahren ja nicht einmal, dass es sie gibt.

Eine Einladung zum Warum

Menschen sind nicht behindert. Menschen werden behindert. Die Liste der Barrieren, mit denen wir Menschen behindern, ihnen das Leben schwermachen, ist lang. Schwer verständliche Versicherungspolizzen, mühsam entzifferbare Stromanmeldeformulare oder fachwortgespickte Behördentexte sind nicht gottgegeben. Ebenso wenig wie Monochrom-Ästhetik, kaum zu öffnende Eingangstüren oder Reisebusse mit Stufeneinstiegen. Wir sind es, die diese Dinge genau so gestalten und nicht anders. Wir, das sind jene unter uns, die es geschafft haben, an unserer Gesellschaft nicht nur teilzuhaben, sondern sie mitzugestalten. Die über die Fähigkeiten, Ressourcen und Autorität verfügen, zu entscheiden, wie informiert, gebaut und designt wird.

Warum wir bei all dem, was wir gestalten und tun, Barrierefreiheit mitdenken sollten? Für mich ist das Warum dieses: Ob Menschen ein Recht darauf haben, so wie ich selbstbestimmt über ihr Leben zu entscheiden, soll nicht länger davon abhängen, ob ihre Geburt komplikationsfrei verlief und ihre Chromosomen schön paarweise vertreten sind. Dieses Warum mit mir zu teilen, dazu lade ich Sie ein. (Walburga Fröhlich, 17.12.2016)

Zur Person:

Walburga Fröhlich ist Co-Founder und CEO des inklusiven Sozialunternehmens atempo (www.atempo.at). Ein Schwerpunkt des Unternehmens ist die "Übersetzung" komplexer Inhalte in zielgruppengerecht aufbereitete leicht verständliche Informationen und Beratung bei der Planung und Umsetzung von Barrierefreiheit.

  • "Wenn wir Häuser so planen, dass Menschen im Rollstuhl nicht hineinkommen, dann können diese nicht mehr selbst entscheiden, ob sie an dem teilhaben möchten, was hier drinnen passiert". schreibt Sozialunternehmerin Walbura Fröhlich.
    foto: istock

    "Wenn wir Häuser so planen, dass Menschen im Rollstuhl nicht hineinkommen, dann können diese nicht mehr selbst entscheiden, ob sie an dem teilhaben möchten, was hier drinnen passiert". schreibt Sozialunternehmerin Walbura Fröhlich.

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