Busse beschossen: Evakuierung Ostaleppos unterbrochen

16. Dezember 2016, 16:50
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Konvois vorerst gestoppt – Menschenrechtler werfen Russland Kriegsverbrechen vor

Aleppo – Die Evakuierung des syrischen Ostaleppo ist am Freitag inmitten gegenseitiger Schuldzuweisungen der Konfliktparteien vorerst abgebrochen worden. In Rebellenkreisen wurden Schiitenmilizen auf der Seite von Präsident Bashar al-Assad beschuldigt, auf die Buskonvois gefeuert zu haben. Regierungsfreundliche Milizen forderten indes, dass auch aus zwei von Rebellen eingekesselten Schiitendörfern die Verletzten evakuiert werden müssten. In der letzten Rebellenenklave in Ostaleppo sitzen nach Worten des UN-Sondergesandten Staffan de Mistura noch etwa 50.000 Menschen fest. Beobachter erwarten, dass Syriens Armee auf die Stadt Idlib vorrücken wird, wohin Tausende aus Aleppo gebracht wurden.

In Aleppo wurden erneut Straßensperren errichtet. Ein Buskonvoi musste deshalb umkehren. Die Rebellen im Osten der Stadt waren nach Angaben eines ihrer Kommandeure in höchster Alarmbereitschaft, weil mit der Regierung verbündete Kämpfer den Abzug von Zivilisten verhindert und schwere Waffen an der Ausfallstraße aufgebaut hätten. Auf der Regierungsseite hieß es, die Evakuierung sei gestoppt worden, weil die Rebellen versucht hätten, Gefangene und Waffen aus der Enklave zu schmuggeln. Die Rebellen wiesen diese Vorwürfe zurück.

Straßenblockade

Demonstranten blockierten eine Straße, die von den Konvois genutzt wurde. Sie forderten nach Darstellung der Schiiten-Miliz Hisbollah die Evakuierung zweier schiitischer Dörfer, die in der Provinz Idlib von Aufständischen belagert werden. Der Iran hatte verlangt, dass die beiden Dörfer Fua und Kefraja unter die Abmachungen der Waffenruhe für Aleppo fielen. In Rebellenkreisen hieß es später, die an der Einkesselung beteiligten Gruppen hätten sich darauf verständigt, die Verletzten womöglich noch am Freitag abziehen zu lassen. Anderen Angaben zufolge lehnt die Gruppe Dschabhat Fateh al-Scham, der früher unter dem Namen Al-Nusra-Front bekannte Al-Kaida-Ableger, die Vereinbarung ab.

Nach monatelangen Bombardierungen hat die syrische Armee mit russischer und iranischer Unterstützung die Rebellen in Ostaleppo besiegt. Am Donnerstag konnten erstmals Verletzte, Frauen und Kinder sowie Aufständische aus Ostaleppo herausgebracht werden. Auch am Freitag standen Busse und Krankenwagen bereit, Syrien stoppte die Aktion jedoch am Morgen.

Hilfsorganisation sollen Evakuierungsgebiete verlassen

Die an der Evakuierung beteiligten Hilfsorganisationen hätten keine Erklärung für den Abbruch der Aktion erhalten und seien stattdessen angewiesen worden, das Gebiet zu verlassen, erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO. Wie viele Menschen bis zur Aussetzung der Konvois die Flucht geschafft hatten, blieb unklar. Rebellengruppen sprachen von wenigstens 6.000, die oppositionsnahe Beobachtungsstelle für Menschenrechte von mindestens 8.000 Personen. Zuletzt war die einstige Millionenstadt in dem seit mehr als fünf Jahren andauernden Bürgerkrieg faktisch geteilt. Die Einnahme Aleppos ist der bisher größte militärische Erfolg Assads.

Russland bemüht sich nach den Worten von Präsident Wladimir Putin nun um eine landesweite Waffenruhe in Syrien. Er sei mit seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdoğan übereingekommen, neue Friedensgespräche in der kasachischen Hauptstadt Astana zu führen. Sie sollten zusätzlich zu den unter UN-Vermittlung geführten Genfer Verhandlungen stattfinden. Ein Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums sagte, alle Zivilisten und die meisten Kämpfer der Rebellen hätten Ostaleppo verlassen. Mehr als 3.400 Kämpfer der moderaten Opposition hätten ihre Waffen abgegeben.

Weißhelme werfen Russland Kriegsverbrechen vor

Unklar blieb zunächst, wohin die Evakuierten gebracht wurden. Die Türkei kündigte den Aufbau eines Flüchtlingslagers für bis zu 80.000 Menschen nahe der Grenze an. Erwartet würden dort zunächst 30.000 bis 35.000 Menschen. Dem russischen Verteidigungsministerium zufolge werden die Menschen nach Idlib gebracht. Die Stadt sowie die gleichnamige Provinz waren wiederholt Ziel russischer und syrischer Luftschläge. Es ist aber offen, ob die Truppen Assads dort auch am Boden in die Offensive gehen. Der UN-Gesandte de Mistura warnte, ohne eine Feuerpause oder eine politische Abmachung "wird Idlib das nächste Aleppo".

Die Weißhelme und andere Hilfsorganisationen warfen Russland in einem Brief an einen Untersuchungsausschuss der Vereinten Nationen Kriegsverbrechen vor. Durch Luftangriffe seien 1.207 Zivilisten getötet worden, darunter 380 Kinder. Die Angaben stützten sich auf Zeugen, Videos, abgefangene Tonmitschnitte aus den Cockpits und die verwendete Munition. Auch die EU warf Russland und dem Iran vor, bewusst zivile Ziele anzugreifen. In der Abschlusserklärung des EU-Gipfels forderten die 28 EU-Regierungen außerdem sofortige Hilfe für die Menschen in Aleppo und den Zugang internationaler Beobachter. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagte, Kriegsverbrechen müssten geahndet werden. (Reuters, 16.12.2016)

  • Tausende verließen bis Freitagfrüh Ostaleppo.
    foto: afp photo / stringer

    Tausende verließen bis Freitagfrüh Ostaleppo.

  • Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel kritisierte das Vorgehen Russlands und des Iran in Syrien scharf.
    foto: reuters/eric vidal

    Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel kritisierte das Vorgehen Russlands und des Iran in Syrien scharf.

  • Evakuierte erreichten in der Nacht zum Freitag mit einem Bus das von Rebellen kontrollierte Gebiet Khan al-Aassal westlich von Aleppo.
    foto: afp photo / omar haj kadour

    Evakuierte erreichten in der Nacht zum Freitag mit einem Bus das von Rebellen kontrollierte Gebiet Khan al-Aassal westlich von Aleppo.

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