Niedrige Zinsen treffen Lebensversicherer schwer

15. Dezember 2016, 20:40
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In Österreich neun Institute geprüft – Kapitalrechnung konservativ

Frankfurt/Wien – Die europäischen Versicherer hätten nach Erkenntnissen ihrer Aufsichtsbehörde schwer mit einer langen Niedrigzinsphase oder einer weiteren Finanzkrise zu kämpfen. Die 236 im Stresstest der Versicherungsaufsicht EIOPA geprüften Unternehmen aus 30 Ländern drohten zusammen 100 Milliarden Euro zu verlieren, wenn die Zinsen auf Dauer so niedrig blieben, teilte die Behörde am Donnerstag mit.

Bei einem "Doppelschlag", bei dem niedrige Renditen von Staatsanleihen mit einem Verfall von Aktienkursen, Währungen und Immobilienpreisen einhergingen, wären es sogar 160 Milliarden – fast ein Drittel des überschüssigen Kapitals der Branche.

"Die Ergebnisse zeigen die signifikanten Herausforderungen für den europäischen Versicherungssektor im gegenwärtigen makroökonomischen Umfeld", sagte EIOPA-Chef Gabriel Bernardino bei der Vorstellung der Belastungsprobe. Der Stresstest sollte die Verwundbarkeit der Versicherer zeigen. Es sei nicht um Bestehen oder Durchfallen gegangen, betonte die EU-Behörde. Die EIOPA veröffentlicht daher keine Einzelergebnisse.

Die Anbieter seien stark unterschiedlich anfällig – aber nur wenigen würde bei dem "Doppelschlag"-Szenario das Geld ausgehen, wenn sie nicht rechtzeitig gegensteuerten, erklärte die EU-Aufsicht. Ohne Stressfaktoren seien die Versicherer mit einer Solvenzquote von 196 Prozent im Schnitt gut kapitalisiert, nur zwei lagen unter den mindestens geforderten 100 Prozent.

Aus Österreich nahmen neun Versicherungen teil: UNIQA, Sparkassen Versicherung, Generali Versicherung, Raiffeisen Versicherung, Salzburger Landes Versicherung, Ergo Versicherung, Allianz Elementar Lebensversicherung, Wiener Städtische Versicherung und Wüstenrot Versicherung. Sie haben laut FMA einen Marktanteil von 80 Prozent. Außer der Allianz Elementar Lebensversicherung, die nur Lebensversicherungen anbietet, bieten alle auch andere Geschäfte an. Geprüft wurden aber auch einige Versicherungstöchter in Osteuropa.

Ergänzend dazu hat die FMA laut Aussendung einen nationalen Stresstest für alle österreichischen Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen sowie Versicherungsgruppen durchgeführt. "Der internationale Vergleich zeigt, dass die heimischen Versicherungen bei ihrer Kapitalrechnung konservativ vorgegangen sind", schreibt die FMA.

Aus Deutschland nahmen 20 Unternehmen am Stresstest teil – ausschließlich Lebensversicherer, die zusammen 75 Prozent des Marktes abdecken. Die Namen reichen vom Marktführer Allianz Leben über die Zurich Deutscher Herold Leben bis zur Volkswohl Bund Leben. Die Altersvorsorge-Anbieter, die wegen der langfristigen Garantien in ihren Verträgen besonders mit den niedrigen Zinsen zu kämpfen haben, standen deshalb im Mittelpunkt des Stresstests, der alle zwei Jahre stattfindet. 129 der 236 Teilnehmer sind reine Lebensversicherer, 102 Kompositversicherer.

Im Notfall müssten die nationalen Aufsichtsbehörden dafür sorgen, dass die Versicherer Überschussbeteiligungen und Garantien für ihre Kunden zurückfahren oder Ausschüttungen an die Aktionäre stoppten, forderte die EIOPA. Vielfach können – und müssen – aber auch die Konzerne, zu denen sie gehören, den Lebensversicherern unter die Arme greifen. (APA/Reuters, 15.12.2016)

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