Pianistin Leonskaja: "In Wien ist man höflich"

Interview18. Dezember 2016, 10:00
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Die Künstlerin über Heimat, die russische Seele, das Heilige am Musikmachen und über die Vergänglichkeit von Stars

STANDARD: Was für ein Blick. Sie sehen vom Balkon auf Stephansdom, Belvedere, Russische Kirche ...

Leonskaja: Das war entscheidend, als ich die Wohnung erstmals angeschaut habe. Ich sah das – und es war wie ein Zeichen für mich.

STANDARD: Sie sagen, Wien sei so schön, dass es Sie vom Arbeiten ablenke. Robert Schumann klagte auch immer, er bringe in Wien nichts weiter.

foto: standard/hendrich
"Musik ist etwas Schönes für ein Mädchen", meinte Leonskajas Mutter, eine Musikerin, einst zu ihrer Tochter. Der ist Klavierspielen heute "heilige Pflicht".

Leonskaja: Ja, er schrieb an seine Frau Clara, dass er hier nichts zu Papier bringe. Die Stadt hat was. Ob es das Klima ist? Ich bin noch nicht schlau geworden.

STANDARD: Sie sind seit 38 Jahren in Wien ...

Leonskaja: Oijoijoi, wie das klingt.

STANDARD: … fühlen sich aber nicht als Wienerin. Ihre Heimat ist Russland, woher ihre Eltern stammten?

Leonskaja: Nein, meine Heimat ist die russische Sprache und die russische Kultur.

STANDARD: Was davon haben Sie sich bewahrt?

Leonskaja: Den Zustand der Seele.

STANDARD: Wie ist die russische Seele beschaffen?

Leonskaja: Frei.

STANDARD: Und immer im Kampf um die Freiheit?

Leonskaja: Eben nicht mit Kampf. Der seelische Zustand ist nicht von Äußerlichkeiten abhängig, vielleicht weil die Russen das Leben in schwierigen Umständen gewöhnt sind. Deswegen wundere ich mich immer, dass die Menschen in Wien so wenig lächeln, so bekümmert sind. Obwohl sie in so einer herrlichen Stadt leben.

STANDARD: Die Wiener müssen halt ihren Grant pflegen.

Leonskaja: Aber ich verstehe nicht, wozu und warum. Stefan Zweig hat die Müdigkeit der Wiener vor hundert Jahren damit erklärt, dass so viele Nationen hier leben, aber jede für sich, und mit fehlendem Patriotismus. Ich weiß nicht, ob das für heute noch passt – aber die Müdigkeit ist noch zu spüren. Man wird faul in dieser Stadt, gefällt sich auch, wenn man nichts tut. Gert Voss meinte einmal, wenn man in Wien nicht an sich arbeitet, wird man in einer Woche zu einem Stück Sachertorte.

STANDARD: Haben Sie nichts von den Wienern angenommen?

Leonskaja: Man sagt, dass in Wien alle stundenlang über nichts reden können. Das habe ich leider schon angenommen.

foto: standard/regine hendrich
Seit ihrer Emigration aus der Sowjetunion 1978 lebt Leonskaja in Wien. Wenn sie nicht gerade reist – und sie reise "leicht und viel", wie sie sagt.

STANDARD: Vielleicht braucht man das, um in langweiliger Gesellschaft zu überleben.

Leonskaja: Warum muss man da überleben? Das ist nicht notwendig. In Wien ist man höflich, lächelt – und kommt nicht weiter. Die Leute sprechen ihre Meinung oft nicht aus, und so verlieren sie mit der Zeit ihre Meinung. So sehe ich es, aber ich bin ja nicht oft hier, ich reise viel. Ich will ja spielen.

STANDARD: Regisseurin Andrea Breth, mit der Sie befreundet sind, sagt, Heimat sei ihr dort, wo es schön zu arbeiten ist.

Leonskaja: Ich glaube auch, dass das Gefühl der Harmonie uns Glück und Heimat ist. Wenn man am Arbeitsplatz zu Hause ist, ist das auch Heimat. Mein Arbeitsplatz ist am Klavier, und es ist mir ganz egal, wo ich sitze. Ob am Pianino, am Flügel, in einem wunderschönen Raum oder in einer Ecke: Hauptsache, ich kann konzentriert und bei mir sein. Wenn man bei sich ist, dann ist das Heimat.

STANDARD: Sie haben mit elf Ihr erstes Konzert gespielt. Gibt es eines, das Sie besser nie gegeben hätten?

Leonskaja: Nein. Aber es gab Aufgaben, bei denen ich mich überschätzt habe. Die Erfahrung, die ich daraus gewonnen habe, hat mir trotzdem viel gebracht.

STANDARD: Für Sie sind Noten Texte; und Sie wollen mit Ihrer Musik Geschichten erzählen. Schönberg haben Sie jüngst im Musikverein nicht auswendig gespielt. Warum?

Leonskaja: Es wäre mir zu gefährlich ohne Noten, das Stück ist ziemlich frisch in meinem Repertoire und der Text sehr schwierig. Aber es hat mich sehr gereizt.

STANDARD: Und: zufrieden?

Leonskaja: Ich hatte jedenfalls das Gefühl, mich in diesem Stück auf dem richtigen Weg zu befinden. Ohne zu verstehen, wie ein Stück komponiert wurde, kann man es nicht spielen. Man muss es gut analysieren, nur dann kann man eine logische Linie schaffen. Dann ist auch der Zuhörer dabei.

STANDARD: Manche halten das Wiener Publikum für snobistisch. Sie auch?

Leonskaja: Nein, wirklich nicht. Das Publikum ist überall gut, die Leute kommen ja nicht um zu kritisieren, sondern um Musik zu hören. Alfred Brendel wurde einmal gefragt, wo er leben wolle – er meinte, in einer Stadt, in deren Konzertsaal das Publikum nicht hustet. Aber mein Gott, man darf sich doch von der Husterei nicht beeinflussen lassen, denn sonst ist man selbst verstimmt. Ich bin überzeugt: Wenn auf der Bühne Konzentration und Hingabe herrschen, dann überträgt sich das in den Saal. Das ist dann die Qualität der Stille.

foto: urs flüeler
Alfred Brendel weiß laut Leonskaja, warum er nur zwei Mal pro Saison spielt: "Dann wird es wirklich perfekt."

STANDARD: Stille gibt es heutzutage sehr selten.

Leonskaja: Kommt drauf an. In nördlichen Ländern gibt es Stille in sich, in der Hitze des Südens eher nicht. Aber die Stille der Konzentration hat eine andere Qualität: Sie ist sehr kostbar und schön.

STANDARD: Sie gehören zu den weltbesten Pianistinnen, werden gern "Grande Dame" genannt. Sind Sie eigentlich stolz auf sich?

Leonskaja: Grande Dame? Oh, davon nehme ich ebenso wenig Notiz, wie wenn Taxifahrer "Madame" zu mir sagen. Madame: Na und? Was bringt mir das für meine Arbeit? Gar nichts. Als Studenten haben wir viel von Heinrich Neuhaus gelesen ...

STANDARD: "Man muss die Musik in sich suchen", riet der Pianist und Musikpädagoge ...

Leonskaja: Ja, aber auch, dass Lob uns weniger beschäftigen soll als Kritik. Künstler müssen lernen, mit sich umzugehen und wissen, was gut war und was nicht. Künstler sind auf ihr Gewissen angewiesen, mehr als auf die Meinung anderer. Unser Gewissen kann uns nicht täuschen. Und ob ich stolz bin auf mich? Stolz nein, aber glücklich. Vor allem darüber, dass ich durch gewisse Lebensabschnitte, durch einige Tunnels gegangen bin und mich nicht verloren habe.

STANDARD: Sie wollten nie etwas anderes werden als Pianistin?

Leonskaja: Weiß ich nicht, ich habe nie darüber nachgedacht. Sollte in meinem Lebensbuch stehen, dass ich wiedergeboren werde, würde ich es noch einmal machen. Und sogar besser, mit meiner jetzigen Erfahrung. (lacht)

STANDARD: Warum ist Ihnen das Musizieren "heilige Pflicht"?

Leonskaja: Die Musik ist ja eine heilige Sache. Weil auch das Leben heilig ist. Es wurde uns gegeben – wozu? Um in die Konditorei zu gehen? Eben. Jedes Stück auf der Bühne muss für sich stehen, uns nehmen. Dann geht das Publikum mit, auch wenn es fast keine Kraft mehr hat im Saal sitzen zu bleiben.

STANDARD: Und Sie oben auf der Bühne, worum kämpfen Sie?

Leonskaja: Ich kämpfe um die Stücke, die ich zu spielen habe.

STANDARD: Gibt’s da Stücke, die so etwas wie Ihre Angstgegner sind?

Leonskaja: Ohja. Goldberg- und Diabelli-Variationen, etwa, Hammerklavier-Sonate. Ich habe viele Werke noch nicht angerührt, weil ich zu großen Respekt davor habe. Ich denke, das ist auch gut so.

foto: standard/regine hendrich
Auch eine Pianistin hat ihre Angstgegner. Bei Leonskaja sind es etwa die Goldberg- und die Diabelli-Variationen.

STANDARD: Sie lieben die Arbeit von Literaturnobelpreisträger Joseph Brodksy. Er sagte, wenn die Kunst den Künstler etwas lehre, dann "die Privatheit der menschlichen Existenz, die Einzigartigkeit". Ist es so?

Leonskaja: Sicher: Nur aus eigener Erfahrung in jeglicher Hinsicht, nur aus dem, was man begreift, entsteht Kunst.

STANDARD: Was lehrt Sie die Kunst sonst noch?

Leonskaja: Ich kann nur mit einem Zitat antworten. Salzburger Festspiele, Sandor Vegh spielt Mozart. In der Pause: Gespräch mit dem Künstler. Frage: "Sagen Sie, Herr Professor: Wie machen Sie Mozart?" Antwort: "Ich mache Mozart nicht. Mozart macht mich."

STANDARD: Was muss beim Spielen geschehen, damit Sie nicht mit sich zufrieden sind?

Leonskaja: Man ist selten zufrieden. Ich habe den Cellisten Walentin Berlinski oft gefragt: "Wie war’s?" "Nicht ohne Verluste", war seine Antwort. Und so ist es: Die Bühne ist keine Schallplatte, Musikmachen ist ein lebendiger Prozess in einem akustischen Raum.

STANDARD: Auch Sie greifen daneben, oder gibt es Perfektion?

Leonskaja: So ehrliche Künstler wie Alfred Brendel oder Grigory Sokolov wissen, warum sie maximal zwei Konzerte in der Saison spielen: Dann wird es wirklich perfekt.

STANDARD: Ist Perfektion überhaupt anzustreben?

Leonskaja: Ja, natürlich. Wenn wir mit Perfektion das künstlerische Moment meinen.

STANDARD: Wenn etwas perfekt ist, ist es abgeschlossen. Danach kommt doch nichts mehr?

Leonskaja: Oh doch, das ist wie mit dem Horizont. Die Horizontlinie entfernt sich, wenn man näher kommt. Wir sind immer auf der Suche, wissen nicht, was kommt und werden bei der Arbeit von einem unsichtbaren Geist geführt.

STANDARD: Ihr Lehrer, Freund und Vorbild, der 1997 verstorbene russische Pianist Swjatoslaw Richter, hat Ihnen das Weinen abgewöhnt. Wie ist das passiert?

foto: fortepan / kotnyek antal
In der früheren Moskauer Wohnung von Swjatoslaw Richter (hier 1958 bei einem Konzert in Ungarn) gibt Leonskaja immer wieder Konzerte.

Leonskaja: Das kam so: Richter war Pedant. Im Dezember, als sehr viele Briefe kamen, hörte er auf zu üben, weil er Ordnung schaffen musste. Da wurde dann in einem Heft notiert, welcher Brief eingelangt ist, in einem anderen Heft, ob und wann er beantwortet wurde. In dem Jahr, als meine Mutter und Schostakowitsch starben (1975; Anm.), saß ich am Weihnachtstag bei ihm, als er an seine Ärztin schrieb: "Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen im nächsten Jahr nicht lästig sein werde, weil ich sterbe." Das war mir zu viel, ich lief heulend in ein Zimmer und sperrte mich dort ein. Am nächsten Tag sagt er: "Wissen Sie, Lisotschka, das Weinen ist ja ein großes Vergnügen. Schon wenn ich daran denke zu weinen, bin ich herrlich zufrieden." Das hat mir das Weinen für mein Leben abgewöhnt.

STANDARD: Nach Richter wurde ein Asteroid benannt, wissen Sie das?

Leonskaja: Ja, und das finde ich rührend.

STANDARD: "Asteroid Lisa Leonskaja": Wäre das nicht etwas für Sie?

Leonskaja: Ich weiß nicht.

STANDARD: Wir Menschen sind sowieso aus Sternenstaub, sagt die Wissenschaft ...

Leonskaja: Das ist ein sehr schönes Gefühl.

STANDARD: ... und so gesehen sind wir alle Stars. Aber Sie wollen ja kein Star sein, oder?

Leonskaja: Was ist ein Star? Ein Star ist ein Luftballon. Ein Stich – und dann ist es aus.

STANDARD: Passt zur letzten Frage: Worum geht’s im Leben?

Leonskaja: Ums Lebensgefühl. (Renate Graber, 18.12.2016)

Elisabeth Leonskaja (71) wuchs als Tochter russischer Eltern in Georgien auf, mit sechs bekam sie erstes Klavier, mit elf gab sie ihr erstes Konzert. Mit 18 Jahren ging sie nach Moskau, wo sie am Konservatorium studierte. In der UdSSR "gab es vor allem für ein jüdisches Mädchen wie mich keine Perspektive", sollte sie nach ihrer Emigration 1978 einmal sagen. Die in den 70er-Jahren mit Geiger Oleg Kagan verheiratete Pianistin lebt in Wien, gilt als virtuose Interpretin vor allem (spät-)romantischer Musik.

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