Indien: Kein Land für Mädchen

16. Dezember 2016, 07:00
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Die indische Mittelschicht setzt auf Abtreibungen: Auf 1.000 Buben kommen nur 887 Mädchen

Die Geschichten, die die Frauen erzählen, sind immer dieselben. Es geht um Ehemänner und Schwiegermütter, die Druck machen: Wenn das Erstgeborene ein Mädchen ist, ist die Freude noch verhalten. Wenn weitere Mädchen folgen, beginnt der Stress. "Meine Schwiegermutter hat gedroht, dass mein Mann mich verlässt, wenn ich noch ein Mädchen bekomme", berichtet Rekha aus Neu-Delhi. Es folgte eine Abtreibung und noch eine, doch den ersehnten Sohn hat Rekha nicht bekommen.

Wie in vielen patriarchalischen Gesellschaften werden auch in Indien Jungen bevorzugt. Weil sie den Familienstammbaum fortsetzen und weil sie von der zukünftigen Braut eine oft stattliche Mitgift erwarten können, die eigentlich seit 1961 per Gesetz verboten ist. Beunruhigend ist, dass der Trend zur Abtreibung von Mädchen in dem aufstrebenden Schwellenland trotz Wirtschaftswachstums und Aufklärungskampagnen zunimmt. Nach Zahlen des Innenministeriums in Neu-Delhi, die im November veröffentlicht wurden, kamen 2014 auf 1.000 Buben nur 887 Mädchen auf die Welt. 2011 lag die Rate bei 914 zu 1.000. 1991 waren es noch 945 Mädchen auf 1.000 Buben. In Europa und Nordamerika werden zwischen 950 und 975 Mädchen auf 1.000 Buben geboren.

Die liberale Zeitung The Hindu bezeichnet diese Entwicklung als "grausame Ironie". "Schockierend" sei, dass einige Distrikte noch weit hinter die nationalen Zahlen zurückfallen.

Erklärungen werden verlangt

Sogar in Bundesstaaten, die über gute Entwicklungsindikatoren verfügen und eine proaktive Politik betreiben wie Tamil Nadu, sind die Mädchengeburten rückläufig. Das Oberste Gericht und die Nationale Menschenrechtskommission haben deshalb bereits von den jeweiligen Landesregierungen Erklärungen verlangt.

Als Hauptursache für die Misere gelten der an sich positive Trend zur Zwei-Kind-Familie und die Möglichkeit, das Geschlecht per Ultraschall schon im Mutterbauch zu bestimmen – eine Praxis, die aus demselben Grund bereits seit 1996 verboten ist. Doch die Schilder, die in jedem Krankenhaus und in jeder gynäkologischen Praxis in Indien darauf hinweisen, bewirken offenbar wenig.

Ebenso wie die Kampagne "Beti Bachao, Beti Padhao" ("Rettet die Mädchen, bildet die Mädchen"), für die die Hindu-nationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi 2014 umgerechnet knapp 15 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat.

Unwissenheit ist nicht die Ursache des Problems. Nach einer Studie, die 2011 unter der Leitung von Professor Prabhat Jha an der Universität von Toronto, Kanada, durchgeführt wurde, ist die "selektive Abtreibung von Mädchen in besser gebildeten und reicheren Haushalten weiter verbreitet, weil diese sich Ultraschalluntersuchungen und Abtreibungen leisten können".

Neue gesellschaftliche Entwicklungen haben das Problem noch einmal verschärft: Wer nur zwei Kinder haben will, hat nur zwei Versuche, einen Sohn zu bekommen. Prabhat Jha ist "nicht überrascht", dass das Verbot der Geschlechtsbestimmung per Ultraschall bisher kaum durchgesetzt wurde, denn die Erstbetreuung von Schwangeren erfolge meist durch "nicht regulierte private Anbieter". (Britta Petersen aus Neu-Delhi, 16.12.2016)

  • Traditionell gekleidete Mädchen tanzen beim Teej-Festival in Chandigarh.
    foto: reuters/ajay verma

    Traditionell gekleidete Mädchen tanzen beim Teej-Festival in Chandigarh.

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