Zu alt, zu männlich

15. Dezember 2016, 18:00
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Die FA steht in der Kritik: Unterhaus und Regierung fordern Reformen, die Premier League lacht sich ins Fäustchen

Dem englischen Fußballverband stehen längst überfällige Reformen ins Haus. Das kündigten diese Woche die Sportstaatssekretärin Tracey Crouch und der Vorsitzende des zuständigen Unterhausausschusses, Damian Collins, an. Die Funktionäre seien der Übermacht der professionell geführten Premier League nicht gewachsen, leisteten zu wenig für den Breitensport, sagt der konservative Politiker: "Wir haben das Vertrauen verloren." Sollten bis April nicht personelle Änderungen in Kraft treten, werde man gesetzlich tätig werden. Unterstützt werden Parlamentarier und Regierung durch fünf frühere FA-Spitzenfunktionäre: Die von "weißen Männern über 60" dominierten Gremien seien reformunfähig.

In jüngster Zeit war der 1863 gegründete, älteste Fachverband der Welt durch Vorwürfe in die Kritik geraten, viele Vereine und die FA selbst hätten seit Jahrzehnten zu wenig gegen pädophile Verbrecher unternommen. Kronanwalt Clive Sheldon wurde mit einer Untersuchung betraut. Er soll mit den 21 regionalen Polizeibehörden Kontakt halten, die gegen 83 Verdächtige ermitteln.

Schwerfälligkeit

Den Parlamentariern geht es weniger um den aktuellen Skandal als um die seit rund zehn Jahren monierte Schwerfälligkeit der FA. Bis heute komme man sich in Sitzungen des Beirats vor, "als seien wir im Jahr 1952", sagte der im August frustriert aus dem Amt als Chairman geschiedene Greg Dyke, Jahrgang 1947, der BBC.

Zahlen belegen Dykes Einschätzung. Unter den 120 Beiratsmitgliedern sind sechs Frauen, nur vier zählen zu ethnischen Minderheiten. 80 Prozent sind älter als 60 Jahre, immerhin ein Zehntel hat sogar schon den 80er hinter sich. Staatssekretärin Crouch wies bei ihrer Anhörung darauf hin, dass die Regierung bereits im Oktober Mindeststandards für die Vorstände von Sportverbänden erlassen habe. Demnach sollen diese ein Viertel unabhängiger Mitglieder enthalten sowie "Geschlechtergleichheit und größere Vielfalt" widerspiegeln. Im zwölfköpfigen FA-Vorstand amtieren laut Guardian derzeit zwei Unabhängige und lediglich eine Frau.

Der Ligamoloch

Lustigerweise sind Dyke und seine vier Mitunterzeichner selbst allesamt weiße Männer im fortgeschrittenen Alter. Der frühere Unternehmensberater und Spitzenbeamte Ian Watmore warf im März 2010 nach neun Monaten als FA-Geschäftsführer sein Amt hin, dem Vernehmen nach entsetzt über die Unfähigkeit. Öffentlich sagte dies der im gleichen Jahr zurückgetretene erste unabhängige Chairman, Lord David Triesman, und benannte das Hauptproblem: Es gelte dem "Moloch" der Premier League entgegenzutreten. Tatsächlich kommt die impotente FA gegen die geballte Wirtschaftskraft der Premier League nicht an, der Breitensport bleibt übrig. Statt den Giganten einen Bruchteil ihrer Einkünfte abzuverlangen, ist die FA vertraglich zur Zahlung zweistelliger Millionensummen verpflichtet.

Auf entsprechende Kritik reagieren die Spitzenklubs und ihre Lobbyisten von der Premier League immer gleich: Der Erfolg gebe ihnen recht, sagen sie und verweisen auf die sensationellen Milliardendeals, die Premier-League-Leute mit TV-Sendern in aller Welt aushandeln. In der jüngsten Rangliste des Wirtschaftsprüfers Deloitte finden sich die Big Five – Manchester United und City, Liverpool sowie aus London Chelsea und Arsenal – unter den zehn umsatzstärksten Fußballkonzernen Europas. "Die Premier League steht für fantastischen Wettbewerb", prahlt Chairman Richard Scudamore.

Staatssekretärin Crouch droht nun bei ausbleibenden Reformen mit der Streichung von 36 Millionen Euro jährlichem Staatszuschuss, Geld, das für den Breitensport vorgesehen ist. Hingegen wolle der Sportausschuss parteiübergreifend ein Reformgesetz vorlegen, wie Collins ankündigte. (Sebastian Borger, 15.12.2016)

  • Greg Dyke, Jahrgang 1947, im August frustriert aus dem Amt als Chairman geschieden.
    foto: apa/afp/pool/ben stansall

    Greg Dyke, Jahrgang 1947, im August frustriert aus dem Amt als Chairman geschieden.

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