Die ersten Europäer lebten noch von Rohkost

15. Dezember 2016, 18:25
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Mikrofossilien aus einer spanischen Höhle zeigen, dass vor 1,2 Millionen Jahren das Feuer in Europa noch nicht zum Kochen verwendet wurde

Barcelona/Wien – Die Herrschaft über das Feuer war fraglos ein Wendepunkt in der kulturellen Evolution der Menschheit. Feuer gewährte Wärme und Sicherheit, sorgte für Licht in der Finsternis der Nacht und erschloss unseren Ahnen eine völlig neue kulinarische Welt. Wann die Vorfahren des modernen Menschen erstmals das Feuer regelmäßig nutzten, um sich mit dessen Hilfe ein Mahl zuzubereiten, ist allerdings nach wie vor umstritten. Bisherige Funde in Afrika lassen darauf schließen, dass Homo erectus bereits vor 1,8 Millionen Jahren das Feuer für seine Zwecke einzusetzen wusste.

Nachdem man heute davon ausgeht, dass die Ahnen des modernen Menschen erst nach diesem Zeitpunkt den afrikanischen Kontinent erstmals verließen, scheint es naheliegend anzunehmen, dass Homo erectus seine Kochkenntnisse auf seiner Wanderung in die Welt hinaus mitnahm. Falls dem tatsächlich so war, dann dürfte dieses kostbare Wissen auf dem Weg nach Europa offenbar wieder verloren gegangen sein.

Uralter Zahnbelag

Das zumindest lässt sich aus den Untersuchungen schließen, die ein internationales Forscherteam an Funden aus einer Höhle im Norden Spaniens durchgeführt hat. Die Archäologen um Karen Hardy von der Universitat Autònoma de Barcelona nahmen den Zahnbelag von vormenschlichen Überresten der Gattung Homo aus der Sima del Elefante bei Atapuerca genauer unter die Lupe, um festzustellen, wovon sich die ersten Europäer ernährt haben.

Die im Jahr 2007 freigelegten Funde in der sogenannten "Elefantengrube" konnten auf ein Alter von 1,2 Millionen Jahren datiert werden und gehörten wahrscheinlich zu Homo erectus oder Homo antecessor, repräsentierten also die unmittelbaren Vorfahren des modernen Menschen.

Die analysierten Mikrofossilien erwiesen sich als äußerst aufschlussreich: Die Forscher entdeckten im Plaque der Vormenschen Hinweise auf tierisches Gewebe, Insektenteile, Pflanzenpollen und zahlreiche andere pflanzliche Überreste. Doch keiner der winzigen Nahrungsbestandteile zeigte irgendwelche Anzeichen dafür, dass sie in Kontakt mit Feuer gekommen waren. Mit anderen Worten: Sie wurden offensichtlich allesamt roh verzehrt.

Damit dürfte nach Ansicht der Forscher klar sein, dass zumindest diese Hominini mit dem Feuer noch nicht umzugehen wussten. Bisherige Funde aus einer anderen Höhle in Spanien datieren den erstmaligen Gebrauch des Feuers in Europa rund 400.000 Jahre später. "Unsere Resultate helfen uns daher, den Zeitpunkt einzugrenzen, wann in dieser Region Nahrungsmittel erstmals gekocht wurden", meint Hardy.

Nahrung aus dem Wald

Darüber hinaus vermitteln die Untersuchungen ein klareres Bild über die Lebensverhältnisse der ersten Europäer: "Diese Menschen waren in der Lage, die waldreiche Umwelt vor 1,2 Millionen Jahren auch ohne Feuer für eine ausgewogene Ernährung zu nutzen", erklärt die Forscherin.

Die im Fachjournal "Naturwissenschaften" veröffentlichte Studie passt nach Ansicht der Forscher auch zu bisherigen Theorien, wonach gekochte Nahrung der Entwicklung der Intelligenz Vorschub leistete. "Mithilfe des Feuers lässt sich Stärke vom Körper besser verarbeiten, und stärkehaltige Nahrung dürfte für die Gehirnentwicklung essenziell gewesen sein", so Hardy. (Thomas Bergmayr, 16.12.2016)

  • Die 2007 in der Sima del Elefante bei Atapuerca im Norden Spaniens entdeckten menschlichen Überreste dürften rund 1,2 Millionen Jahre alt sein. Damit zählen sie zu den ältesten menschlichen Spuren in Europa. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass diese frühen Europäer wohl noch keine Köche waren.
    foto: apa/jordi mestre/eia

    Die 2007 in der Sima del Elefante bei Atapuerca im Norden Spaniens entdeckten menschlichen Überreste dürften rund 1,2 Millionen Jahre alt sein. Damit zählen sie zu den ältesten menschlichen Spuren in Europa. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass diese frühen Europäer wohl noch keine Köche waren.

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