Weg von Uli Hoeneß' Schoß: Aus Firmen Medienhäuser modellieren

16. Dezember 2016, 08:00
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Ex-Puls-4-Politikchef Dominik Sinnreich macht sich mit der Agentur Newsroom GmbH selbstständig, um für Unternehmen den Aufbau von Newsrooms zu dirigieren

Wien – Werden Institutionen zu Medienhäusern, müssten Journalisten nicht mehr auf dem Schoß von Managern wie Uli Hoeneß oder Arsène Wenger sitzen, sagt Dominik Sinnreich, um an vermeintlich "exklusive" Informationen über Bayern München oder Arsenal London zu kommen; denn: "Auch diese Manager spielen ihre Infos nur mit Kalkül nach draußen." Falle dieser "Exklusivitätsdruck" weg, könnten sich Redakteure "wichtigeren Aufgaben widmen": Geschichten hinterfragen, einordnen und gewichten. Wenn Ex-Puls-4-Politikchef Sinnreich über seine Agenturgründung Newsroom GmbH spricht, fällt der Begriff "Fußball" sehr oft.

Klubs wie Bayern München oder Vereine der englischen Premier League seien die besten Beispiele, wie sich Unternehmen eine eigene Medienwelt kreieren könnten. Mit Content, den sie produzieren und den sie über verschiedene Kanäle ausspielen. Die Welt des Sports fungiere nicht selten als "Innovationsmotor", sagt Sinnreich. Auch hier; denn Bayern München startete den hauseigenen Kanal FCB-TV bereits im Jahr 2003. Erst viel später folgten Ausspielmöglichkeiten wie Youtube, Facebook oder Instagram.

Beraten und produzieren

Mit der "Newsroom GmbH" möchte Sinnreich einerseits Unternehmen beim Aufbau eigener Medienkanäle beraten: "Ihnen zeigen, wie Redaktionen ticken." Andererseits möchte er sie mit einem Team mit Inhalten versorgen. Die Größe spiele dabei keine Rolle – von der Mini-NGO bis zum Großkonzern. "Das kann auch temporär sein, wenn es Schwerpunkte wie Veranstaltungen gibt." Mit dem Ziel, ungefiltert Informationen zu liefern. Werden Journalisten dann obsolet? "Nein", betont Sinnreich im Gespräch mit dem STANDARD und erwähnt den britischen Fußballjournalismus: "Der ist hervorragend."

Und das, obwohl die meisten Klubs auf ihrer eigenen Medienklaviatur spielten. Journalisten hätten nur sehr restriktiven Zugang zu den Spielern, sonst könnten Vereine bei der Masse an Interviewanfragen ihren sportlichen Betrieb einstellen, so Sinnreich: "Da kommen eigene Produktionen ins Spiel."

Politiker boykottieren Medien

Dass etwa FPÖ-Politiker bestimmten Medien gar keine Interviews mehr geben, weil sie lieber in ihrem medialen Paralleluniversum agieren, sei kein neues Phänomen, sagt Sinnreich. Solche "ethische Fragen" hätten sich immer schon gestellt. Helmut Kohl hat den "Spiegel" als deutscher Kanzler geschnitten, Wolfgang Schüssel "Profil": "Und das alles vor Facebook und Youtube." Oder ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte: Werner Faymann schlug als Kanzler unzählige Einladungen in die "ZiB 2" aus.

Sinnreich, der vor Puls 4 als Politik- und Sportjournalist unter anderem beim "Kurier" und dem ORF war, hat in den letzten Monaten Corporate Newsrooms abgeklappert, um sich verschiedene Modelle anzusehen – von Großkonzernen, Sportvereinen und politischen Institutionen. Fündig geworden ist er nicht nur bei Bayern München, sondern auch in Österreich. Hierzulande arbeite allen voran die FPÖ bereits wie eine Redaktion – und hat dafür eine Art Newsroom installiert, der für alle Kanäle Formate liefert.

Für seine Agentur hat sich Sinnreich in einem Büro in der Kirchberggasse im siebenten Bezirk eingemietet. Über konkrete Kunden möchte er noch nicht sprechen, nur so viel: "Wir starten nicht bei Null. Und die meisten Institutionen und Firmen wissen schon, dass sie Medienhäuser werden müssen – die Frage ist nur noch, wann sie es angehen." (Oliver Mark, 16.12.2016)

  • Dominik Sinnreich, zuletzt Puls-4-Politikchef, gründet die Agentur Newsroom GmbH.
    foto: christian müller

    Dominik Sinnreich, zuletzt Puls-4-Politikchef, gründet die Agentur Newsroom GmbH.

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