"Orwell" im Test: Ausnahme-Game macht Spieler zum Big Brother

    Rezension19. Dezember 2016, 11:00
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    Das Politthriller-Adventure "Orwell" demonstriert auf einfache, aber bedrückende Weise, wie Überwachung funktioniert

    Hier ein Kommentar auf Facebook, dort eine E-Mail-Anfrage, zwei, drei Chats mit Freunden: In der digitalen Gegenwart schleppen so gut wie alle Bürgerinnen und Bürger einen unsichtbaren Datenschwanz beträchtlicher Länge hinter sich her. Im Zeitalter des nicht enden wollenden "war on terror", stetig verschärfter Überwachungsgesetze und steigender Datenmengen kann das durchaus bedrohlich sein. Das Adventure "Orwell" (Windows, 9,99 Euro) schafft es, durch simple Mechanismen und eine spannende Story diese Bedrohung in eine originelle Spielmechanik zu packen.

    Als soeben angeworbener freischaffender Mitarbeiter eines staatlichen Überwachungsprogramms reicht ein Desktop mit Links zur namensgebenden Datenbank "Orwell" sowie zu einem vereinfachten "Internet" aus, um den Kampf gegen den Terror zu beginnen. Ein Bombenanschlag wartet auf Aufklärung, und dafür sollen verdächtige Bürger genauer unter die Lupe genommen werden. Die Einträge dieser Verdächtigen in Social-Media-Kanälen, ihre Profile auf Dating-Seiten, öffentliche Kommentare, aber auch sensiblere Daten wie Chat-Verläufe, Telefonate oder gar der digitale Einbruch per Staatstrojaner lassen schnell große Datenmengen zu den so Beobachteten zusammenkommen. Aufgabe des Spielers oder der Spielerin ist es, relevante Informationen zusammenzusuchen und sie der automatisierten Überwachungsdatenbank einzuverleiben – von den Informationen, die hierbei als wichtig oder unwichtig einsortiert werden, hängt es dann ab, ob Situationen in der realen Welt eskalieren oder nicht.

    Wie sich Überwachung anfühlt

    An fünf aufeinanderfolgenden Tagen decken Spielerinnen und Spieler nicht nur die Hintergründe der Anschläge auf, sondern bekommen auch Einblick in die kühlen Mechanismen personenbezogenen Profilings. Ob ein scherzhaft gemeinter Eintrag, Person X würde Person Y am liebsten erwürgen, Eingang in die Akte findet, macht durchaus einen Unterschied. "Orwell" bleibt zwar in seiner wendungsreichen Handlung letztlich spielerisch linear und lässt seine Spielerinnen und Spieler an einzelnen Stellen zu lange nach der digitalen Nadel im Heuhaufen suchen, doch das stört dank der Qualität der – englischen – Texte, cleverer Details und hintergründiger Thematik kaum.

    Besonders bemerkenswert ist dabei, dass das Spiel eines deutschen Studios etwas schafft, das nur im Medium Videospiele möglich ist: Durch die Interaktivität bekommen Spielerinnen und Spieler eine Ahnung von Mechanismen, die in der realen Welt existieren. Die Schnitzeljagd nach neuen, vielleicht entscheidenden Hinweisen entwickelt einen spielerischen Sog, der etwaige moralische Fragen vom Tisch wischen lässt. Wie das große "Papers, Please" zeigt es, dass strukturelle Mechanismen und sogar die Werkzeuge gesellschaftlicher Kontrolle Einfluss auf das Verhalten jener ausüben, die sie bedienen und in ihnen gefangen sind.

    surprise attack
    Trailer zu "Orwell".

    Fazit

    Dass "Orwell" es schafft, die Problematik von Überwachung, persönlichem Datenumgang und politischem Umgang mit der Datenmenge "gläserner Mensch" in ein bis zum Schluss spannendes Spiel zu packen, macht es zum Ausnahmespiel, das als Nebeneffekt sogar den eigenen Umgang mit seinen Daten überdenken lässt. So betrachtet ist es auch als Nachhilfe in Sachen Medienkompetenz und Datenschutz eine absolute Empfehlung mit großem Unterhaltungswert. (Rainer Sigl)

    "Orwell" ist für Windows zum Preis von 9,99 Euro erschienen; es gibt eine kostenlose Demo.

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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    Orwell

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