"Lady Macbeth": Präzise kontrollierte Exzesse

    14. Dezember 2016, 17:23
    1 Posting

    Schostakowitschs "Lady Macbeth" von Kirill Petrenko und Harry Kupfer an der Bayerischen Staatsoper

    Die bemerkenswerte Theaterdichte in Deutschland macht es möglich: Sogar ein eher selten gespieltes Stück wie Dmitri Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk wird innerhalb kurzer Zeit in zwei benachbarten Städten zum Premierenthema. Zunächst legte Peter Konwitschny seine Sicht auf Schostakowitschs brachialen Thriller am Theater Augsburg dar.

    In einer abstrakt-kalten Bühnenlandschaft ging die Titelfigur Katerina Ismailowa ins Wasser, nachdem sie ihren Schwiegervater und ihren Gatten umgebracht hatte. Auf dem Weg ins sibirische Gefangenenlager wurde sie von ihrem Liebhaber Sergej verstoßen, in einer letzten Tat brachte sie sich um – und Sergejs neue Flamme Sonjetka gleich mit. Konwitschny stellte bewusst Geschlechterklischees aus und inszenierte aus dem Geist einer plakativen, ruppigen und stark ostdeutsch geprägten Theaterästhetik.

    An der Bayerischen Staatsoper präsentierte Generalmusikdirektor Kirill Petrenko seine Sicht der Dinge (man spielt die vor kurzem neu editierte Erstfassung des Stücks). Auch hier gab es muskelbepackte Testosteronräusche, doch die teils schrägen Zwischentöne blieben häufig auf der Strecke. Selbst der größte musikalische Exzess wird bei Petrenko genauestens gestaltet. Das ist schon tolles Hörtheater, die Abgründe der Partitur – das Changieren zwischen Tragik und Groteske – erlebte man aber eher nicht.

    Anja Kampe bot ein faszinierendes Porträt der zwischen Liebe, Frust, Begehren und Wut zerrissenen Katerina. Kampe führte ein stimmiges Ensemble an (das auf Russisch sang), Misha Didyks zwielichtiger Sergej, Anatoli Kotschergas verschlagen geifernder Schwiegervater Boris und der fulminante Sergey Skorokhodov als Gatte Sinowi erwiesen sich als exzellente Sparringpartner. Wie hier üblich waren die Chöre hervorragend, fast alle kleineren Partien ausgezeichnet besetzt (etwa Anna Lapkovskaja als Sonjetka).

    Die Bühne ist eine kalt ausgeleuchtete Landschaft aus Stahlgerüsten, Wohncontainer und voller heruntergekommener Gestalten (Ausstattung: Hans Schavernoch), dazu sind ein paar Videoprojektionen (Thomas Reimer) zu sehen. Die Kostüme von Yan Tax verweisen auf die Zeit unmittelbar vor der Revolution. Harry Kupfer inszeniert überwiegend vom Blatt und konventionell, mit manchmal konzentrierter Personenführung, manchmal eher altbacken wirkenden Szenen. Katerina Ismailowa lebt, liebt und mordet in einem in der Höhe verstellbaren Kasten, schmutzig sind die Wände, trist das Ambiente. Alles in allem herrscht Anselm-Kiefer-Stimmung, wobei nicht nur die Ausstattung schrundig zerschossen wirkt, auch das Personal ist von vollendeter Tristesse.

    Mehrfach lässt Harry Kupfer ein paar Lemuren herumstreunen, sie sind mal Beobachter des Geschehens, mal wie zufällig hereingeschneite Menschenmasse. Sehr gelegentlich rutscht die Atmosphäre vom Hypernaturalistischen ins Surreale.

    Kommenden Sommer versuchen Dirigent Mariss Jansons und Regisseur Andreas Kriegenburg bei den Salzburger Festspielen ihr Glück mit der Lady Macbeth von Mzensk. Man wird dann sehen, ob Kriegenburg die Sache etwas heutiger anlegt oder auf sein in vielen Inszenierungen verwendetes (zunehmend dekoratives) Bewegungsensemble setzt. Und man wird hören, ob Jansons nicht ein bisschen mehr Schmutz und mehr unkontrollierte Taktlosigkeit aus der Partitur holt. (Jörn Florian Fuchs, 14.12.2016)

    • "Lady Macbeth" an der Bayerischen Staatsoper.
      foto: hoesl / bayerische staatsoper

      "Lady Macbeth" an der Bayerischen Staatsoper.

    Share if you care.