Nachhaltigkeit: Soziale Verantwortung bleibt Liebhaberei

16. Dezember 2016, 13:00
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Ab Jänner müssen Unternehmen laut EU-Richtlinie über ihr Engagement im Umwelt- und im Sozialbereich Bericht erstatten

Wien – Einige Unternehmen haben es bisher bereits getan, andere nicht – denn es war keine Pflicht. Gemeint ist die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts. Die Berichterstattung über ökologische, gesellschaftliche und soziale Verantwortung von Unternehmen spielte am Kapitalmarkt bisher eine untergeordnete Rolle. Weniger als zehn Prozent der größten Unternehmen innerhalb der Europäischen Union publizierten zuletzt regelmäßig nichtfinanzielle Informationen – "dies aber in einer teils fragwürdigen Qualität", wie Uli Schönbauer und Christina Wieser von der Arbeiterkammer Wien in einem Kommentar zusammenfassen. Denn oft seien diese Berichte nicht mehr als "Selbstvermarktung in Hochglanz". Auf relevante Daten und Fakten würde gerne verzichtet.

Die EU hat eine Richtlinie erlassen, die in Österreich nun mit dem Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz (NaDiVeG) umgesetzt werden soll. Dieses soll regeln, worüber Unternehmen ab Jänner abseits der Bilanzzahlen berichten müssen. Die Transparenz im Bereich Corporate Social Responsibility soll erhöht werden, die Berichte sollen europaweit vergleichbar werden.

Aktivitäten der Unternehmen im Umweltmanagement oder bei der Korruptionsbekämpfung müssen künftig genauso angeführt werden wie auch soziale und mitarbeiterbezogene Aktivitäten – darunter fällt zum Beispiel auch die Ausweisung des Anteils von Frauen in den Chefetagen.

Formvorschriften fehlen

In der Gesetzesvorlage klingt es zwar, als ob für Unternehmen nun klare Vorgaben geschaffen worden wären, die Umsetzung des NaDiVeG in Österreich "lässt aber einiges zu wünschen übrig", kritisiert Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft der Arbeiterkammer Wien. Denn einheitliche Standards für die Form der nichtfinanziellen Offenlegung fehlen. Unternehmer können sich auf nationale, unionsbasierte oder internationale Rahmenwerke – wie etwa die Global Reporting Initiative – stützen. Eine Vergleichbarkeit der Berichte werde daher schwierig. Eine Prüfung der Angaben durch externe Experten fehle gänzlich.

Betroffen sind vom NaDiVeG derzeit ohnehin nur große Unternehmen von öffentlichem Interesse mit mehr als 500 Arbeitnehmern beziehungsweise Aktiengesellschaften, deren Papiere zum Handel in einem geregelten Markt zugelassen sind – macht für Österreich laut der Regierungsvorlage 191 Unternehmen. "Und das in einer Landschaft von rund 300.000 Unternehmen", kritisiert Leitsmüller die Einschränkungen.

Weniger Anforderungen für Kleine

Auch Olivia Rauscher von der WU Wien fordert, die neue Informationspflicht auf alle Unternehmen auszuweiten. Kleinere Betriebe sollten dabei aber lediglich eine "abgeschlankte" Version beantworten müssen.

Ein Unternehmen könne es sich auch nicht aussuchen, ob es eine Bilanz erstellt, sagt Leitsmüller. Es sei daher unverständlich, dass beim Thema Nachhaltigkeit keine klaren, verpflichtenden und für alle Unternehmen geltenden Vorgaben geschaffen werden.

Argumentiert wird gerne mit den Kosten, die durch eine zusätzliche Berichtspflicht auf Unternehmen zukommen. Diese werden in der Regierungsvorlage mit rund 310.000 Euro pro Jahr angegeben. Je nach Unternehmen soll der Aufwand zwischen 600 und maximal 4300 Euro liegen, was von Befürwortern der Richtlinie als zumutbar angesehen wird.

Viel Luft nach oben

Bezüglich der Nachhaltigkeitsberichterstattung hat Österreich jedenfalls viel Luft nach oben. Eine Studie von Ernst & Young zeigt, dass nur jedes vierte heimische Topunternehmen sowie die größten Banken und Versicherungen zuletzt einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt haben. In Frankreich oder Dänemark informierten die umsatzstärksten Unternehmen hingegen fast lückenlos über ihr soziales Engagement. In Frankreich etwa gibt es klare Vorgaben für die Offenlegung der Arbeitsbedingungen, Angaben zum durchschnittlichen Entgelt, zu den geleisteten Überstunden oder zur Beseitigung vom Diskriminierung am Arbeitsplatz.

Auch für Investoren wird das soziale Engagement der Unternehmen ein immer wichtigerer Indikator. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg erhebt mittlerweile auch die von den Unternehmen berichteten nichtfinanziellen Leistungsindikatoren und fasst diese im "Social Disclosure Score" zusammen. Ein Blick in diese Daten zeigt ebenfalls, dass Österreich hier weit hinterherhinkt.

Mit der OMV, RHI und Wienerberger schafften es zuletzt nur drei Unternehmen aus dem heimischen Leitindex ATX 20, mehr als 50 Punkte (von 100 möglichen) zu erreichen. Im Dax 30 kommen mit 17 Unternehmen mehr als die Hälfte über die 50-Punkte-Grenze, und im französischen CAC40 schafften es 28 der 40 Unternehmen, mehr als die Hälfte der Punkte zu erreichen. (Bettina Pfluger, 15.12.2016)

  • Über ihr Engagement im Umwelt- wie auch im Sozialbereich müssen manche Unternehmen künftig Rechenschaft ablegen.
    foto: imago

    Über ihr Engagement im Umwelt- wie auch im Sozialbereich müssen manche Unternehmen künftig Rechenschaft ablegen.

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