Königgrätz und die Hofburgwahl

Kommentar der anderen15. Dezember 2016, 11:42
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1866 war ein Wendepunkt für Deutschland, Österreich und Mitteleuropa – und zwar einer, dessen Nachwehen 150 Jahre später immer noch zu spüren sind. Anmerkungen zu einem schicksalsträchtigen Jahr

Nur wenige Tage trennen vom Jahresende, und nirgendwo, schon gar nicht im Fernsehen, war an jene schreckliche Schlacht erinnert worden, die nachhaltig die weitere Geschichte Mitteleuropas geprägt hatte. Es ist merkwürdig, dass gerade während dieses Dauerwahlkampfs ums Amt des Bundespräsidenten genau diese Disposition Österreichs erneut in den Blick geriet, aber die Ursache tunlichst verschwiegen wurde, die seit der Niederlage in Königgrätz die politische "Gretchenfrage" über 150 Jahre geblieben ist.

Reanimierte Debatte

Seit diesem Krieg zwischen Preußen und Österreich ist diese leidige Debatte von Fall zu Fall reanimiert worden, die unter der Devise eines "Anschlusses" Österreichs an Deutschland nach 1918 eine unselige Zuspitzung erhielt und seither Bestand politischer Pathologie mit nationalsozialistischem Zungenschlag blieb.

Dieser Krieg gegen Preußen hatte den Kaiserstaat Österreich endgültig aus allen Träumen gerissen, nämlich eine Führungsmacht im Deutschen Bund zu sein. In der Frankfurter Paulskirche war dem Vertreter Österreichs, dem Grafen Stadion, als Einzigem das Rauchen gestattet gewesen, das freilich Bismarck sofort auch für sich gefordert hatte. Es zeigte dieser Konflikt in Eitelkeit nur zu deutlich, dass Preußen jene Rolle für Deutschland begehrte, von der sich Österreich nur mehr eingebildet hatte, sie zu besitzen.

Der Hergang des Krieges, der in sechs Wochen mit der völligen Niederlage Österreichs endete, war entgegen den bisherigen Berichten und Mythen denkbar unglücklich. Es war keineswegs das berüchtigte Zündnadelgewehr, die durchgängige Militarisierung der preußischen Gesellschaft und das überragende diplomatische Geschick Bismarcks, die den Sieg errangen, sondern eine unglaubliche militärische Torheit in der Entscheidungsschlacht, die Preußen keineswegs im Vorteil sah.

Die österreichischen Kavallerie-Reserven hatten sich gegen den Befehl des leitenden Generals Benedek in sinnlose Scharmützel mit der preußischen Aufklärung eingelassen, waren damit entdeckt und aufgerieben worden. Als nun Benedek den Befehl gab, die Reserve in die Schlacht zu werfen, hatte sie es nicht mehr gegeben. Es war dieser Umstand auch der Grund für den Freispruch des Generals vor dem Kriegsgericht.

Nun stürzte die Niederlage die österreichische Regierung und den Hof in Konfusion und Hilflosigkeit. Obzwar man nominell glaubte, wegen der Unterstützung Sachsens, Bayerns, Hannovers, Hessens den Deutschen Bund zu vertreten, war Bismarcks Plan aufgegangen, Österreich aus dem deutschen Staatenbund auszuschließen.

Anfänglich hätte man in den Nikolsburger Friedensverhandlungen im Herbst 1866 meinen können, es werde ein Nord- und Süddeutschland geben – also zwei Deutschland – und die Unabhängigkeit Sachsens werde bestehen bleiben, so wendete sich das Blatt nach Monaten endgültig zuungunsten Österreichs. Bismarck war es gelungen, populäre Begeisterung für den Modellfall Preußen zu wecken und für die Idee zu werben, dass es ein künftiges Deutschland wie Preußen geben könne.

Das Ausscheiden Österreichs hatten alle Nationalliberalen und Deutschnationalen gebilligt, denn mit Ungarn, den slawischen Kronländern, den Resten der Besitzungen in Italien war das ein nationales und ethnisches Sammelsurium, das nicht mehr zu Deutschland passte. So war die Donaumonarchie entstanden.

In Wien hatte man noch immer nicht verstanden, mit Napoleon III., mit England oder Russland eine Interessengemeinschaft zu gründen. Bismarck gelang es, diese Mächte, die eigentlich diese Umwandlung von Preußen in Deutschland hätte irritieren müssen, während des Konflikts zu neutralisieren. Mit Mühe rettete sich der Kaiser in Schönbrunn in einen Ausgleich mit Ungarn und war im Grunde auf ein Cisleithanien reduziert worden.

Über diese paradoxe Situation des österreichischen Selbstbewusstseins hatte später Robert Musil geschrieben, dass ab nun Patriotismus wie ein Hochverrat schien, nämlich nicht kleindeutsch zu sein, nicht deutschnational und antisemitisch, nicht chauvinistisch. Zugleich war eine Trennung der Sprache hörbar geworden, die sich bei Nestroy schon angekündigt hatte und deren Fortsetzung von Karl Kraus behutsam gepflegt wurde.

Königgrätz war ein Wendepunkt für Mitteleuropa geworden, denn Bismarck zeigte sich nach diesem Sieg zu noch größeren Plänen ermuntert. Armee und autoritärer Staat mit "Sozialistengesetzen", nationaler Kult und die Einigung der deutschen Länder zum Berliner Kaiserreich ab 1871 waren die Grundlage.

Große, kleine Deutsche

Premier Gladstone beobachtete von England aus, dass Bismarck Deutschland zwar groß, aber die Deutschen klein gemacht habe. So war diese napoleonische "Gründung" von Deutschland vom Rheinbund bis Bayern eine Wirklichkeit geworden, obwohl Bismarck die zahlreichen deutschen Könige zu ihrer Kapitulation in Versailles hoch bestechen musste. Daraus baute Ludwig II. von Bayern die Schlösser und finanzierte Richard Wagner.

Ohne Österreich schlitterte dieses neue Deutschland mit haltlosem Erfolg in seinen imperialistischen Wahn, und vor allem war das alte Preußen in dieses Deutschland "hineingestorben" – wie Eugen Rosenstock-Huessy 1919 beklagte. Unverdrossen humpelt Österreich immer wieder in dieser Geschichte dennoch mit – wie verhext. (Reinhold Knoll, 14.12.2016)

Reinhold Knoll (Jahrgang 1941) ist Soziologe an der Universität Wien; er ist unter anderem Herausgeber (mit Michael Benedikt und Cornelius Zehetner) der Buchreihe "Verdrängter Humanismus – Verzögerte Aufklärung" (in sechs Bänden im Wiener Universitätsverlag bzw. bei Facultas erschienen).

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