Wahlkampf: Schlafender Bär

Kolumne14. Dezember 2016, 16:44
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Was tut man, wenn eine Seite alle bisher üblichen Wahlkampfregeln ignoriert?

Nach der Wahl ist vor der Wahl, auch wenn diese nun doch nicht vorverlegt werden dürfte. 2017 wird das Jahr der Freiheitlichen, hat H.-C. Strache den Österreichern angekündigt. Der schlafende Bär (manche sagen: die schlafende Giftschlange) ist aufgewacht und hat noch allerhand vor. 2016 war nur das Vorspiel.

Und da hat sich gezeigt, dass nicht nur der letztlich gewählte Präsident, sondern auch viele Qualitätsmedien dem geballten Trommelfeuer der Firma Kickl und Co ziemlich ratlos gegenübergestanden sind. Was tut man, wenn eine Seite alle bisher üblichen Wahlkampfregeln ignoriert? Wenn einem Kandidaten direkt und indirekt vorgeworfen wird, er sei dement, todkrank, ein Lügner, Sowjetspion, Kommunist und Nazisohn? Die meisten Medien, inklusive der ORF, sprachen, im Bestreben, neutral zu sein, vom "schmutzigen Wahlkampf" und verteilten die Verantwortung dafür ebenmäßig auf beide Seiten. Und die Drecklawine, die sich via soziale Medien auf das Wählervolk ergoss, traf dieses ziemlich unvorbereitet. Aber es geht noch toller.

Was auf diesem Gebiet alles möglich ist, hat dieser Tage die Schweizer Zeitschrift Magazin enthüllt. Ihr zufolge verdanken sowohl Donald Trump als auch die Brexit-Befürworter ihren Sieg zu einem beträchtlichen Teil einer neuen ausgefeilten Methode der digitalen Persönlichkeitserfassung, Psychometrie genannt, die ein polnischer Forscher, der jetzt in Stanford lehrt, für das britische Institut Cambridge Analytica entwickelt hat. Wenn man alle Facebook- und Smartphone-Daten eines Users kombiniert, kann man seine Eigenschaften und Vorlieben ziemlich präzise identifizieren. Mit 150 Daten weiß die Maschine besser über einen Menschen Bescheid als dessen eigene Eltern. Die Erfindung wurde – ohne Wissen ihres Schöpfers – von einer sogenannten Wahlmanagementfirma gekauft und dazu verwendet, Wählern maßgeschneidert die für sie "richtigen" Wahlbotschaften zukommen zu lassen. Man kann nämlich aus dem Datenwust beispielsweise alle besorgten Familienväter oder alle introvertierten Wutbürger herausfiltern und individuell bearbeiten. So wird die relativ geringe Wahlbeteiligung der Afroamerikaner nicht zuletzt damit erklärt, dass diese vom Trump-Lager gezielt mit angeblichen rassistischen Äußerungen von Hillary Clinton gefüttert worden waren.

Donald Trump hat die Möglichkeiten dieser Methode erkannt und drei Viertel seines Wahlkampfbudgets in die Digitalwerbung investiert. Es hat sich offensichtlich ausgezahlt. Die Firma kann seither über mangelnde Aufträge nicht klagen. Sie meldet Interesse aus Deutschland und der Schweiz.

Freie Wahlen sind das Herzstück der Demokratie. Aber wie frei sind sie, wenn man sie derart tiefgreifend beeinflussen kann? Man darf gespannt sein, wann die Österreicher auf diesen gefährlichen Zug aufspringen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 14.12.2016)

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