Medizinerstreik gegen "Ausrottung des Hausarztes"

    Video14. Dezember 2016, 15:53
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    Patienten standen am Mittwoch vor verschlossenen Praxen: Die Hausärzte in Wien, Kärnten und dem Burgenland streikten. Der Widerstand richtet sich gegen Primärversorungszentren

    Wien – Die Touristen in der Wiener Innenstadt wissen nicht so recht, worauf sie ihre Kameras richten sollen. Etwa 150 Personen mit Trommeln, Pfeifen, Ratschen und übergroßen Scheren ziehen über den Graben: Die Wiener Allgemeinmediziner streiken. Sie halten am Mittwoch ihre Ordinationen geschlossen, weil sie eine "Ausrottung des Hausarztes" fürchten.

    Auch in Kärnten und dem Burgenland stehen Patienten vor verschlossenen Praxen, in den anderen Bundesländern finden Aktions- und Informationstage statt. Der Grund für die aufgewühlte Stimmung ist das Begleitgesetz zum Finanzausgleich, das am Mittwoch im Parlament beschlossen wurde.

    "Mehr Verschlechterung als Verbesserung"

    Eine Ärztin, die bei Nieselregen den weißen Kittel über die Daunenjacke gezogen hat, sieht in den Maßnahmen der Gesundheitsreform "mehr Verschlechterung als Verbesserung". Sie erzählt, dass ihre Patienten viel Verständnis dafür zeigen würden, dass sie an diesem Tag in der allgemeinmedizinischen Praxis in der Donaustadt nicht behandelt werden können.

    derstandard.at

    Immer mehr wirtschaftliche Interessen würden die Gesundheitspolitik bestimmen, kritisiert sie. Die Protestnachbarin stimmt ihr zu: "Ein kranker Mensch kann niemals gewinnbringend sein", ergänzt die Kollegin und bläst kräftig in die Trillerpfeife. Unter den Demonstranten sind viele Ärzte im mittleren Alter, die seit mehreren Jahren ihre Praxen betreiben und sich hinter die Ärztekammer und ihre Proteste stellen. Das ist ihre Stammklientel. Sie sehen sich als Einzelkämpfer und Kummerkasten ihrer Patienten. Dass sie jetzt auf die Straße gehen, begründet die Donaustädter Hausärztin mit einem "Wir-Gefühl". Sie müssten endlich zeigen, dass ihnen das "Herumscheißen" der Politik nicht mehr gefällt. Aber manchmal fühle sie sich auch "wie die MA 48, wo die Patienten ihre Sorgen entsorgen".

    Nicht auf unsere Kosten

    Der Protest richtet sich gegen Primärversorgungszentren, also einen Zusammenschluss mehrerer Allgemeinmediziner mit anderen Gesundheitsberufen. Warum sie dagegen Widerstand leisten? "Vereinzelt sind diese Zentren ja vertretbar", sagt ein praktischer Arzt, der seit 20 Jahren seine Ordination betreibt. Nachsatz: "Aber sicher nicht auf unsere Kosten."

    Ihn stört, dass im Parlament Maßnahmen ohne medizinisches Fachwissen beschlossen werden. Doch ob der Hausarzt als Einzelkämpfer noch Zukunft hat, darüber ist sich der Mittfünfziger auch nicht sicher, denn die Bezahlung sei schlecht. Selbst wenn er sechs Stunden lang in der Ordination Patienten betreue, anschließend noch Hausbesuche absolviere, als Unternehmer müsse er hohe Steuern zahlen: "Im Spital habe ich mehr verdient." Dass Jungmediziner das in Zukunft noch auf sich nehmen wollen, bezweifelt er.

    "Wir sind halt alle Idealisten", sagt der Mann lachend. Dennoch ist er sich sicher, dass ein anonymes Zentrum keinen Hausarzt ersetzen könne. Er versteht sich als Familienarzt, der die Patienten kennt, ihre Kinder und manchmal auch deren Kinder. Das könne ein Zentrum niemals leisten. Der Protestmarsch kommt unterdessen am Franziskanerplatz an. Mit viel Radau wird die Ansprache von Kammerpräsident Thomas Szekeres und seinem Vize Johannes Steinhart angekündigt. Nicht alle haben Freude damit. Ein Anrainer empört sich und fordert die trommelnden Ärzte auf, den Wirbel einzustellen. (Marie-Theres Egyed, 14.12.2016)

    • Etwa 150 Ärzte marschierten am Mittwoch über den Wiener Graben. Sie protestierten gegen den im Parlament beschlossenen Kostendämpfungspfad und gegen das Feindbild Primärversorgungszentrum.
      foto: der standard/fischer

      Etwa 150 Ärzte marschierten am Mittwoch über den Wiener Graben. Sie protestierten gegen den im Parlament beschlossenen Kostendämpfungspfad und gegen das Feindbild Primärversorgungszentrum.

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