Heumarkt-Turm: Wien treibt ein falsches Spiel

Kommentar14. Dezember 2016, 15:44
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Die Unesco sollte sich von den Wiener Pokerspielern nicht über den Tisch ziehen lassen

In der Debatte um das seit der Grundstückserwerbung umstrittene Hochhausprojekt am Wiener Heumarkt wird auch falsch gespielt. Der Vorwurf, die Unesco-Welterbehüter bestünden aus konservativen Modernisierungsverweigerern, ist eine Mär, angefacht von Investoren und Architekten, die sich kreativ wie finanziell möglichst ungehemmt austoben wollen.

Dass die Unesco moderne Akzente in heiklen Regionen sehr wohl zulässt, zeigt aktuell etwa ein Blick nach Krems-Stein. Mitten im Weltkulturerbe Wachau lässt Erwin Pröll einen modernen kubischen Museumsbau hochziehen. Auf die Wünsche der Unesco-Hüter (etwa ein Stockwerk tieferlegen) wurde dort sinnvollerweise schon vor der Präsentation der Pläne Rücksicht genommen. Aufregung gab es (zumindest öffentlich) bei niemandem.

In Wien hingegen spielt man lieber Pokerrunden. Seit mindestens vier Jahren tanzt man mit dem Hochhausprojekt am Heumarkt (und nicht nur damit) der Unesco auf der Nase herum, verspricht mal dies, präsentiert mal das, spekuliert auf guten Willen und schwammige Verträge. Dass eine für die Welterbehüter vertretbare Lösung (gegeben hätte es viele) je ernsthaft angestrebt wurde, darf allerdings bezweifelt werden.

Mit der vermeintlichen Handreichung an die Unesco – der Turm wird statt der ursprünglich geplanten 73 Meter "nur" 66 Meter hoch, die Unesco pocht auf 43 Meter – begeben sich Investor Michael Tojner und Verbündete in eine komfortable Win-win-Situation. Geht die Unesco auf den faulen Kompromiss ein, untergräbt sie ihre Autorität für viele ähnliche Projekte, die schon in den Schubladen schlummern. Bleibt sie hart, reiben sich Investoren die Hände, weil sie die lästigen Schutzzonen endlich loswerden. Die Unesco sollte sich von den Wiener Pokerspielern nicht über den Tisch ziehen lassen.

In Wahrheit geht es weniger um Ästhetik, Turmhöhen oder malerische Sichtachsen, es geht um ein Prinzip: Bleibt die Unesco standhaft, setzt sie nur das um, worum sie die Wiener Stadtspitze mit dem Welterbebeitritt vor 16 Jahren, vielleicht ohne es zu wissen, selbst gebeten hat: den Stadtkern großräumig vor überbordender Investoren- und Politikerwillkür zu schützen. Gibt die Organisation klein bei, delegitimiert sie sich selbst. Den Gefallen sollte sie ihren Gegnern nicht tun.

Die Unesco kann als Organ der internationalen Gemeinschaft sicherstellen, dass Erhaltungswürdiges nicht auf dem Altar lokaler Partikularinteressen geopfert wird. Ob Wien das nach Wegfall des Welterbes mit eigenen Regelwerken auch alleine hinkriegt, wird sich zeigen. Zweifel sind beim derzeitigen Zustand der Stadtregierung sicherlich angebracht. (Stefan Weiss, 14.12.2016)

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