"Saudi-Arabiens Konflikt mit dem Iran ist nur ein Deckmäntelchen"

Interview15. Dezember 2016, 10:26
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Arabien-Forscher Sebastian Sons sieht das Königshaus intern und extern unter Druck

Einerseits Partner, andererseits Problemfall; Ölreichtum und hochmoderne Kommunikationstechnologie hier, Geschlechtertrennung und Hinrichtungen per Schwert da: Saudi-Arabien spiele eine Schlüsselrolle in den Konflikten des Nahen Ostens, doch über seine Regierung, seine Gesellschaft, seine Wirtschaft und seine Religion wüssten wir kaum etwas, schreibt der deutsche Islamwissenschafter, Historiker und Politologe Sebastian Sons in seinem Buch "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – ein problematischer Verbündeter".

Der Westen müsse das autoritär regierte Königreich, sechsmal so groß wie Deutschland, kennen, um Position beziehen zu können, lautet Sons' These, die er im Gespräch mit dem STANDARD erklärt.

STANDARD: Erst am Dienstag haben die USA die Munitionslieferungen an ihren traditionellen Verbündeten Saudi-Arabien gestoppt, offiziell, weil die Angriffe der saudischen Luftwaffe im Jemen viele zivile Opfer gefordert haben. Bedeutet das so kurz vor dem Ende der Ära Obama einen Kurswechsel gegenüber dem Königreich?

Sons: Ich glaube, dass es dabei nicht um einen Kurswechsel geht, sondern um ein Zeichen der Amerikaner, dass man der saudischen Politik im Jemen sehr kritisch gegenübersteht. Unter Obama ist das Verhältnis der beiden Länder deutlich schlechter geworden, die Saudis fühlen sich wegen des Nukleardeals mit dem Iran verraten und verkauft. Auch das rasche Fallenlassen des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak durch Obama 2011 und die indifferente Haltung der USA gegenüber dem syrischen Assad-Regime, für dessen Sturz die Saudis immer eingestanden sind, spielen eine Rolle.

foto: afp photo / saudi royal palace / bandar al-jaloud
Der saudische König Salman bin Abdulaziz (rechts) mit dem Kronprinzen Mohammed bin Nayef (Mitte) und Mohammed bin Salman, kurz MbS (links).

STANDARD: Wie passen die aktuellen Kämpfe um die syrische Stadt Aleppo und das irakische Mossul in das saudische Narrativ vom Kampf zwischen Sunniten und Schiiten?

Sons: Der Erfolg des syrischen Regimes in Aleppo wird natürlich alles andere als positiv bewertet, man sieht darin die Konsolidierung Assads durch direkte Hilfe Russlands und des Iran. In der saudischen Wahrnehmung versucht der Iran mithilfe lokaler und regionaler Verbündeter aggressiv seinen Einfluss in der arabischen Welt auszuweiten. Dementsprechend fühlt sich Saudi-Arabien noch stärker bedroht als zuvor und umzingelt von iranischen Feinden.

STANDARD: Die einfache Formel "saudische Sunniten gegen iranische Schiiten" geht Ihnen nicht tief genug. Was bewegt die saudischen Außenpolitiker außer der von Ihnen konstatierten "Schianoia"?

Sons: Ich glaube, dass der von vielen Seiten beschworene konfessionelle Konflikt nur ein Deckmäntelchen ist, um geopolitische und strategische Interessen zu instrumentalisieren. Saudi-Arabien geht es vor allem darum, seine religiöse Dominanz in der sunnitischen Welt sowie seine Rolle als Erdöllieferant zu bewahren. Das Feindbild Iran ist ein willkommenes Motiv, um die eigene Bevölkerung hinter sich zu vereinen. Seit 2015 versucht der neue König eine Art Wagenburgmentalität zu schaffen, um von internen und externen Problemen abzulenken und einen neuen saudischen Patriotismus zu erschaffen.

grafik: apa
Rivalität am Golf.

STANDARD: Stichwort religiöse Dominanz: Deutsche Medien berichteten jüngst, dass saudische Organisationen gezielt Salafisten in deutschen Moscheen schulen. Die Geheimdienste rechnen demnach mit einer Ausweitung dieser vom saudischen Staat geförderten Missionierung in Europa. Stimmen Sie damit überein?

Sons: Saudische Wohlfahrtseinrichtungen, private Kleriker und Religionsstiftungen versuchen das schon seit Jahrzehnten, in den 90er-Jahren etwa auf dem Balkan, später in Asien und Afrika und eben hier in Europa. Es ist sehr wahrscheinlich, dass hier direkte Kontakte zum Königshaus bestehen. Dort streitet man das stets ab und behauptet, es handle sich um unabhängige Institutionen, über die man kaum Kontrolle habe. Bei einigen mag das stimmen, grundsätzlich wäre das Königshaus aber wohl durchaus in der Lage, schärfer zu kontrollieren, wenn es dazu gewillt wäre. Es geht darum, den saudischen Wahhabismus in die Welt zu exportieren, und dabei besteht die Gefahr, dass so der Extremismus geschürt wird, auch wenn das Königshaus das immer abstreitet.

foto: dgap
Sebastian Sons rechnet mit noch mehr Repression, sobald dem Regime die Ressourcen ausgehen.

STANDARD: Sie beschreiben Saudi-Arabien als Land der politischen und gesellschaftlichen Widersprüche. Warum ist es dem Regime bisher gelungen, diese im Rahmen zu halten?

Sons: Bei einem Großteil der Bevölkerung ist das Königshaus nach wie vor hochangesehen. Das hat man in der Vergangenheit dadurch geschafft, dass mögliche Konkurrenz, etwa das Militär, kleingehalten wurde. Wenn es Opposition gab, etwa vom islamistischen Rand, wurde diese entweder mit brutaler Gewalt ausgemerzt oder in das Regime integriert, also gekauft. Außerdem hat sich in der Bevölkerung insbesondere nach den Aufständen in der arabischen Welt von 2011 der Wunsch nach Stabilität breitgemacht, die in Saudi-Arabien tatsächlich nur der König garantieren kann.

STANDARD: Wird das in Zukunft weiter gelingen?

Sons: Das ist fraglich, weil diese Strategie darauf beruht, dass man der Bevölkerung etwa kostengünstige oder -freie Gesundheitsversorgung und Bildung ermöglichte, dass Steuerfreiheit existierte, dass Öl und Wasser subventioniert wurden. Weil die Öleinnahmen geringer werden und sozioökonomische Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit dazukommen, hat das Königshaus heute schon viel weniger Ressourcen zur Verfügung, um die Opposition zu kaufen.

STANDARD: Sie beschreiben diese Strategie als "Zuckerbrot und Peitsche". Kommt jetzt, wo das Zuckerbrot wegzubrechen beginnt, noch mehr Repression auf die Bevölkerung zu?

Sons: Die Repression hat unter König Salman schon zugenommen, die Zahl der Todesurteile etwa wird heuer wohl auf einen Rekordwert steigen. Unter dem Deckmantel des Antiterrorkampfes soll jegliche Opposition ausgeschaltet werden. Je mehr wirtschaftliche Vergünstigungen wegfallen, desto größer wird der Druck auf das Königshaus, politische Freiheiten zuzulassen. Einer dieser Punkte könnte die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen sein, weil man damit der eigenen Bevölkerung und der Welt zeigen könnte, dass man in der Lage ist, Reformen durchzuführen.

STANDARD: Wie lange kann die saudische Wirtschaft den Ausschluss der Frauen überhaupt noch verkraften?

Sons: Eigentlich gar nicht mehr. Wir sind jetzt schon an dem Punkt, wo der Ausschluss dieses "Humankapitals" ein echtes Problem für die saudische Wirtschaft ist. Der Staat versucht deshalb auch diesen Spagat hinzubekommen, einerseits die meist besser als ihre männlichen Kollegen ausgebildeten Frauen in die Wirtschaft zu integrieren und andererseits die wahhabitischen Gelehrten zufriedenzustellen, denen die Geschlechtertrennung wichtig ist. Die saudischen Frauen sind der wichtigste Akteur, um den sozialen Wandel zu gestalten – und darauf reagiert das Königshaus schon deshalb, um das Druckpotenzial und die Frustration möglichst kleinzuhalten.

STANDARD: Der Ölreichtum Saudi-Arabiens habe die saudischen Frauen in den Haushalt zurückgedrängt, schreiben Sie. Können Sie diese auf den ersten Blick paradoxe Situation erläutern?

Sons: Vor Beginn der Ölförderung vor etwa 70, 80 Jahren war Saudi-Arabien eine stark beduinisch geprägte Gesellschaft, in der Mann und Frau gleichermaßen bestimmte Tätigkeiten ausführen mussten. Die Geschlechtertrennung, die der Frau den Platz im Haus und bei den Kindern vorschreibt, ist ein Phänomen der Moderne. Viele saudische Frauen haben mir gesagt, dass sie eigentlich wieder zu dem Leben zurückwollen, das ihre Großmütter geführt haben, und selbstständig Seite an Seite mit den Männern arbeiten wollen. Erst das Öl hat die Geschlechtertrennung möglich gemacht, weil die Frauen seither nicht arbeiten mussten. Nur durch diesen Reichtum war es dem Staat möglich, den Großteil seiner Bevölkerung vom Arbeitsmarkt auszusperren. Diese Zeiten sind nun vorbei.

STANDARD: Mohammad bin Salman gilt vielen als eigentlicher Strippenzieher im Königreich. Was wissen Sie über ihn?

Sons: MbS, wir er genannt wird, wird von seinem Vater als Aushängeschild der neuen saudischen Politik aufgebaut. Als stellvertretender Kronprinz ist er Zweiter in der Thronfolge, und mit 31 Jahren repräsentiert er die jüngere Generation. Als Verteidigungsminister ist er direkt verantwortlich für den desaströsen Krieg im Jemen, aber auch für die Reformprozesse namens Vision 2030, die im Frühjahr initiiert wurden. In Interviews sorgte er für Aufsehen, weil der die wirtschaftlichen Probleme des Landes relativ klar benannt und die Unabhängigkeit vom Öl als Ziel definiert hat. Deshalb gilt er ein wenig als Hoffnungsträger, auch wenn aufgrund des Jemen-Kriegs die Kritik an ihm steigt.

STANDARD: Einer der bis zu 30.000 politischen Gefangenen im Königreich ist der Blogger Raif Badawi, dessen Schicksal auch hierzulande Aufmerksamkeit erregte. Wie könnte der Westen Riad dazu bewegen, Gnade walten zu lassen?

Sons: Der Fall Badawi ist nur die Spitze des Eisbergs, er steht symbolisch für die anderen politischen Gefangenen. Darum könnte es gut sein, dass er freigelassen wird, um an die Welt ein Zeichen zu senden, dass Saudi-Arabien bereit ist, auf Kritik einzugehen. Für internationale Regierungen ist es sehr schwierig, für ihn tätig zu werden, weil Saudi-Arabien bei Kritik stets auf die Unabhängigkeit der eigenen Justiz verweist und jedes Zugeständnis ein Zeichen der Schwäche gegenüber den religiösen Hardlinern wäre.

STANDARD: Wie soll sich der Westen allgemein gegenüber dem Königreich verhalten?

Sons: Länder wie Deutschland sollten zuallererst auf Rüstungsexporte aller Art nach Saudi-Arabien verzichten, um einer werteorientierten Außenpolitik Rechnung zu tragen. Es geht auch darum, eine kohärente Strategie zu entwickeln, wie man mit dem Land überhaupt umgehen will. Einerseits braucht man es, weil es in der Region so wichtig geworden ist. Andererseits ist die Politik Saudi-Arabiens, auch die Menschenrechtspolitik, für westliche Länder schlicht nicht hinnehmbar. Das müsste man klar artikulieren. Im Rüstungsbereich sollte man mit dem Land grundsätzlich nicht zusammenarbeiten, in Aspekten wie Bildung und erneuerbare Energie bestehen hingegen noch viele Kooperationsmöglichkeiten. Wichtig ist, den Kontakt nicht nur mit der saudischen Elite zu halten, sondern auch mit Teilen der Zivilgesellschaft, etwa den Schiiten, den Frauen oder Privatinitiativen, die nicht direkt mit dem Königshaus zusammenhängen. (Florian Niederndorfer, 15.12.2016)

Sebastian Sons (Jahrgang 1981) ist Associate Fellow im Programm Naher Osten und Nordafrika der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Sein Buch "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – ein problematischer Verbündeter" ist im Propyläen-Verlag erschienen.

Am 8. Mai 2017 ist Sebastian Sons Gast bei Gudrun Harrer im "Jour fixe Nahost", den die Wiener Orient-Gesellschaft zusammen mit dem STANDARD veranstaltet.

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