Neue Erklärung für jahrzehntealten Krater in der Ostantarktis

18. Dezember 2016, 18:04
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Eine vor zwei Jahren entdeckte Struktur auf dem König-Baudouin-Schelfeis bereitete Forschern lange Zeit Kopfzerbrechen

Utrecht – Als deutsche Wissenschafter am 20. Dezember 2014 im Osten der Antarktis eine ringförmige rund zwei Kilometer große Struktur im Eis entdeckten, begann das große Rätselraten. Vor allem die Fragen um die Herkunft und das Alter des riesigen Kreises beschäftigte die Wissenschafter in den nachfolgenden Monaten.

Erstmals aufgefallen ist die kraterartige Bruchformation dem Geophysiker Christian Müller vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven während eines Messfluges über dem König-Baudouin-Schelfeis. Müller und seine Kollegen hatten gleich einen Verdacht, welches Ereignis für die Struktur verantwortlich sein könnte: Möglicherweise hat an dieser Stelle ein Meteorit eingeschlagen. Zunächst hielt man die Formation für die Folge eines Impakts aus dem Jahr 2004. Doch Satellitenbilder enthüllten mittlerweile, dass der Ring im Eis bereits seit 1989 vorhanden war.

foto: tobias binder, alfred-wegener-institut
Hier die seltsame Formation aus der Luft. Der Kontrast wurde erhöht, um die Struktur besser sichtbar zu machen.

Kanadische Wissenschafter um Peter Brown vom Center for Planetary Science and Exploration an der University of Western Ontario errechneten in der Folge, dass ein derart riesiger Krater von einem etwa 100 Meter großen Objekt verursacht worden sein müsste. Ein Einschlag dieser Größenordnung wäre in jüngerer Zeit allerdings nicht unbemerkt geblieben. Also doch kein Geschoß aus dem All?

Offenbar hat tatsächlich etwas anders die Struktur hervorgerufen. Im Jänner 2016 besuchten Wissenschafter erstmals zu Fuß die Formation und machten entscheidende Beobachtungen vor Ort. Sie stellten unter anderem fest, dass im Zentrum des Kreises eine rund drei Meter tiefe Senke mit erhöhten Rändern existiert. In der Mitte der Senke fanden die Forscher drei vertikale Schächte, sogenannte Gletschermühlen.

foto: sanne bosteels
Beobachtungen vor Ort: Innerhalb des Kraters fließt Schmelzwasser in die Tiefe.

Zu Fuß zum mysteriösen Krater

Nun lieferten Jan Lenaerts und Kollegen von der niederländischen Universität Utrecht im Fachjournal "Nature Climate Change" auf Basis dieser Beobachtungen eine Erklärung für die seltsamen Strukturen und damit auch für die Ursache des Kraters insgesamt: Die Experten vermuten, dass im Bereich der Formation früher ein umfangreicher Schmelzwassersee existierte.

Der See dürfte an der Oberfläche gefroren gewesen sein und sich irgendwann nach unten hin entleert haben – Wissenschafter sprechen von einer sogenannten Eisdoline. In der Folge kollabierte die Decke des entstandenen Hohlraums, was schließlich zum festgestellten Krater geführt hat. Ähnliche Eistrichter wurden auch schon in Grönland und auf dem Schelfeis vor der Antarktischen Halbinsel entdeckt, für die Ostantarktis ist das Phänomen dagegen neu.

Gefahr für das Schelfeis

Auch für die Mechanismen, die zur Bildung des Schmelzwassersees führen, haben die Forscher eine Erklärung: Wenn starke Winde aus dem Landesinneren auf den Übergang zwischen Land und Schelfeis treffen, verblasen sie den dort aufgehäuften Schnee und legen das dunklere Eis darunter frei. In der Sonne erwärmt sich die Stelle folglich stärker als der Schnee. Wird es zu warm – etwa infolge des Klimawandels – kann das Eis schmelzen, einen See bilden und sich schließlich einen Weg zum Meer durchbahnen. Die Wissenschafter befürchten, dass derartige Vorgänge das antarktische Schelfeis dauerhaft schwächen könnten. (tberg, 18.12.2016)

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