Pisa geht es nicht um Bildung

Userkommentar15. Dezember 2016, 11:43
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Bei Pisa handelt es sich um eine reine pädagogische Anleitung zum Durchschnittlichsein

Die mittlerweile fünfte Veröffentlichung von Pisa-Ergebnissen sorgt in Österreich für bahnbrechend nichts Neues. Institutionalisierungen haben die Eigenschaft, dass man sich an sie gewöhnt, und die Gewohnheit ist der natürlichste Feind der Schöpferkraft. So, wie man sich daran gewöhnt hat, dass Olympische Spiele im Vierjahresrhythmus die nationalen Gruppenidentitäten zum Überschäumen bringen, so hat man sich damit abgefunden, dass mittlerweile alle drei Jahre die internationalen Pisa-Festspiele abgehalten werden.

Es geht nicht um Volksbildung

So wenig es dem Internationalen Olympischen Komitee um die Volksgesundheit geht, so wenig geht es der internationalen Testindustrie und ihrer Lobby um die Volksbildung. Pisa diktiert marktwirtschaftlich basiertes Wettbewerbsdenken, und das Einzige, worum es der österreichischen Bildungspolitik zu gehen scheint, ist unser nationales Image im internationalen Vergleich.

Die Pisa-Umwegrentabilität lässt zudem viele viel und gut verdienen, und sei es nur die Vermarktung von Verdrängungsstrategien und Trostrezepten für Länder wie unseres. Immerhin gehören wir ja noch lange nicht zu den Schlechtesten. Nicht auffallen ist immer noch besser als schlecht auffallen. Unter den Durchschnittlichen gehören wir aber zu den Besten, selbst dann noch, wenn wir uns im Dreijahresvergleich geringfügig verschlechtert haben.

In der Durchschnittsfalle

Mit dem Zwangsbekenntnis zur Durchschnittlichkeit wird man hierzulande sozialisiert, und damit man die österreichische Durchschnittlichkeit halten kann, werden paradoxe Bildungsmaßnahmen gesetzt. Unser aktuelles nationales Bildungscredo ist der Glaube an die Vereinbarkeit von "Individualisierung" und "Standardisierung".

Der Versuch, eine bildungspolitische Synthese dieser Gegensätze zu erzwingen, kostet unendlich viel Kraft. Pädagogische Humanressourcen werden verschlissen, die Bürokratie weiter aufgeblasen, und das Ergebnis ist letztlich die Standardisierung der Individualität, das heißt die Nivellierung individueller Potenziale, und das in Zeiten, in denen wir nichts so sehr brauchen wie die Kreativität junger Geister.

Gegen jede Kreativität

Am Beispiel der Maturavorbereitungen für das Fach Deutsch lässt sich dieses Paradoxon vielleicht ganz gut veranschaulichen.

"Wie schreibe ich den ersten Satz eines Textes?" ist eine der Lieblingsfragen meiner Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht. Meine Lieblingsantwort darauf bringt zunächst wenig Erlösung: "Wer nicht weiß, wie er anfangen soll, lässt den ersten Satz einfach aus und beginnt mit dem zweiten. Vertraut einfach darauf, dass euch während des Schreibens ganz von selbst ein guter erster Satz einfällt, und wenn das nicht geschieht, erweist sich der zweite Satz vielleicht sogar ganz gut als erster."

Seit der Erfindung des standardisierten kompetenzorientierten Textproduzierens als Anforderung für Maturantinnen und Maturanten im 21. Jahrhundert wird der Schulbuchmarkt überschwemmt von approbierten Schreibdidaktiken, trendigen Textproduktionsregelwerken, "So machst du's richtig"-Ratgebern und Schnellkurs-Themenheften mit Titeln wie "Ohne (BE)DENKEN zur Matura".

An der Hand geführt

Alle diese Werke erklären unseren jungen Menschen peinlich genau, wie man Zusammenfassungen, Kommentare, Leserbriefe, offene Briefe, Erörterungen, Textanalysen, Textinterpretationen, Empfehlungen und Meinungsreden zu schreiben hat. Diese maturarelevanten "Poetiken" unserer Tage machen dabei vor allem eines: den Schülerinnen und Schülern Angst, mir übrigens auch. Sie verhindern jede Textschöpfungskreativität und die Entdeckerfreude denkender Menschen, die sich ihre Welt erschließen, indem sie im eigenen Kopf auf die Suche nach passenden Worten für ebendiese Welt gehen.

Die aktuelle Maturavorbereitung in Deutsch reduziert das Texten zum Ausfüllen von Formularen: Mit diesen Phrasen sollst du beginnen, in diesem Abschnitt darf dieses und jenes Wort nicht vorkommen, Argumentationsketten sollten so und so gebaut sein, und das Wichtigste: Die vorgegebene Wortanzahl darf weder über- noch unterschritten werden. Selbstständiges Formulieren wird zwar eingefordert, was dabei allerdings herauskommt, ist leider viel zu häufig nichts anderes als antrainierte Redundanz. Das harte Training schulischer Maturavorbereitung verfolgt in erster Linie ein Reife- beziehungsweise Lebensziel: das Erreichen der Durchschnittlichkeit.

Was macht einen guten ersten Satz aus?

Zurück zur Sehnsucht meiner schreibmotivierten Schülerinnen und Schüler nach einer praktikablen Antwort auf die Frage "Wie schreibe ich den ersten Satz eines (guten) Textes?". Um auf diese Frage eine zeitgemäße Antwort zu geben, ohne dabei das Bildungscredo der Durchschnittlichkeit zu verraten, haben wir im Unterricht eine semirepräsentative sprachästhetische Untersuchung durchgeführt. Wir haben uns die Aufgabe gestellt herauszufinden, was die Qualität des ersten Satzes eines anerkannten Bestsellers ausmacht.

Für unsere quantitative Studie haben wir uns die ersten Sätze von 16 Bestsellern vorgenommen, die darin enthaltenen objektiven Daten erhoben und aus dem Datenmaterial "höchst relevante" Durchschnittswerte errechnet. Anschließend galt es, aus diesen Durchschnittswerten einen satirischen Text zu machen, und zwar eine pädagogisch wertvolle schreibdidaktische Empfehlung für das Verfassen des ersten Satzes eines zukünftigen Bestsellers.

Wir wissen jetzt endlich genau, worauf es ankommt, wenn wir damit beginnen wollen, einen Bestseller zu schreiben: Der durchschnittliche Frontsatz eines Bestsellers enthält 14,46 Wörter, der Anteil von Nomen beträgt 22,9 Prozent. Nominalisierungen sind davon ausgenommen. Im Durchschnitt kommen 2,78 vor allem starke Verben vor. Vokale und Konsonanten sollten in einem Verhältnis von circa 2:3 verarbeitet werden. Mehr als die Hälfte aller untersuchten ersten Sätze sind weder einfache Sätze noch elliptische Sätze, sondern Hauptsatzreihen. Und so weiter, und so weiter, und so weiter (alle Angaben ohne Gewähr).

Das Mittelfeld

Jeder von uns hatte seine individuelle Anleitung zum Durchschnittlichsein für das Erreichen großer Ziele verfasst, und als wir unsere neugewonnenen Erkenntnisse abschließend mit den einzelnen Bestseller-Erstsätzen verglichen, mussten wir – Heureka – feststellen, dass sich kein einziger Bestsellerautor an unsere kompetenzorientierte standardisierte individuelle Schreibempfehlung gehalten hatte. Quod erat demonstrandum.

Pisa, in drei Jahren sind wir wieder dabei, und dann auch wieder ganz überraschend fast bei den Besten im unteren Mittelfeld. (Hugo Brandner, 15.12.2016)

  • Pisa lenkt die Schüler in Richtung Durchschnittlichkeit.
    foto: apa/dpa/armin weigel

    Pisa lenkt die Schüler in Richtung Durchschnittlichkeit.

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