An der Oberfläche der Bilder kratzen

    17. Dezember 2016, 16:00
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    Vida Bakondy analysierte die Fotoalben der jüdischen Schwimmerin Fritzi Löwy

    Wien – Mitte der 1990er-Jahre wurden auf einem Flohmarkt nahe Wien zwei Fotoalben zum Kauf angeboten, die auf den ersten Blick wenig Spektakuläres enthielten: Das eine zeigte nett arrangierte Urlaubserinnerungen an einen Schweiz-Aufenthalt in den 1940er-Jahren, so schien es zumindest. Auf dem anderen waren Porträtfotos zu sehen. Als Besitzerin der Alben wurde die Wiener Hakoah-Schwimmerin Fritzi Löwy identifiziert.

    Die Historikerin Vida Bakondy hat die beiden Fotoalben der bekannten jüdischen Sportlerin in ihrer Dissertation zum Ausgangspunkt einer Entdeckungsreise gemacht. Diese führt hinter die Oberfläche visueller Erinnerungsstücke und lotet dabei die Möglichkeiten und Grenzen von Fotografien als geschichtliche und biografische Quellen aus.

    "Wenn man den Geschichten hinter den Bildern nachgeht, kann man die Stationen von Löwys Zeit im Schweizer Exil sehr genau nachzeichnen", sagt Bakondy. "Auch wenn sie als jüdischer Flüchtling in Lagern lebte, nur eingeschränkte Bewegungsfreiheit hatte und Arbeitsdienst verrichten musste, wollte sie sich offenbar nicht nur als Opfer sehen."

    Um den Blick hinter die harmlose Erscheinung der Bilder freizumachen, hat Bakondy die Hinterlassenschaft der 1994 verstorbenen Sportlerin zusammengetragen und wissenschaftlich bearbeitet. Sie hat die Schweiz als Asylland unter die Lupe genommen und Archivquellen in verschiedenen Ländern durchforstet. Durch die Kontextualisierung mittels aufwendiger Quellenarbeit werden die Bilder erst zum Sprechen gebracht. Und was erzählt das Album mit den Porträtfotos?

    "Dieses ist dem Andenken an Familienmitglieder gewidmet, die im Holocaust ermordet wurden oder durch ihr Exil auf der ganzen Welt verstreut waren", so die Historikerin, "im Gegensatz zu den lebhaften Schweiz-Bildern gleicht dieses Album einer Ruine: karg und lückenhaft." Viereinhalb Jahre hat die 36-jährige Forscherin neben ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck, dann als Leiterin des Projekts "Migration Sammeln", an ihrer Dissertation gearbeitet.

    Diese war, so Bakondy, ein Herzensprojekt – und brachte ihr drei Auszeichnungen ein: den Herbert-Steiner-Preis des DÖW, den Irma Rosenberg-Förderpreis und den Dissertationspreis des Forschungsverbundes "Geschlecht und Handlungsmacht" der Universität Wien. Nächstes Jahr wird die Arbeit im Wallstein-Verlag erscheinen.

    Ein anderes Herzensprojekt der gebürtigen Kärntnerin mit komplexem ungarisch-slowenisch-österreichisch-amerikanischen Migrationshintergrund ist ihre vierteljährliche Kolumne in der Stimme, der Zeitschrift der Initiative Minderheiten. Bakondy: "Auch hier ist der Ausgangspunkt meiner Überlegungen meist eine Fotografie, die mit minderheitenpolitischen Fragen verknüpft wird."

    Leidenschaftlich gerne betätigt sich die Historikerin an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Vermittlung. Diese Lust am Forschen und am Weitergeben von Wissen lebt sie derzeit am Wien-Museum aus, wo sie für ein Jahr in einem Projekt zur jugoslawischen Diaspora der 1990er-Jahre arbeitet. Und danach? "Natürlich träume ich von einer fixen Stelle." (grido, 17.12.2016)

    • Die 36-jährige Historikerin Bakondy lotet in ihrer Dissertation Potenziale und Grenzen von Fotos als Quellen aus.
      foto: andreas rechling

      Die 36-jährige Historikerin Bakondy lotet in ihrer Dissertation Potenziale und Grenzen von Fotos als Quellen aus.

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