Das Gefängnis als Ort der Spiritualität

Userkommentar20. Dezember 2016, 10:56
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Inhaftierte finden in ihrer Zeit im Gefängnis oft den Weg zur Religion. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn dort finden sie Ruhe und etwas zu tun

Je nach Herkunft bringen Inhaftierte Christen orthodoxe, römisch-katholische, anglikanische, protestantische Spiritualität in allen Spielarten, vor allem auch baptistischen und pfingstlerischen, in die Haft mit. Für manche hat Religion in ihrem Leben "draußen" kaum mehr oder nur eine geringe Rolle gespielt. Vieles war bedeutsamer, vieles hat sie getrieben, wie die anderen "draußen" auch, deren religiöses Bewusstsein latent ist, verschüttet durch den Alltag und seine Anforderungen.

Neue Bedeutung

Der plötzliche Stillstand ab dem Moment der Inhaftierung, der Stopp aller Aktivitäten, der Entzug aller Kommunikationsmittel, Handy und Internet, wirft jeden Einzelnen und jede Einzelne auf sich selbst zurück. Da zu Beginn der Haft auch der Kontakt zu Angehörigen und Freunden unterbrochen ist, bekommt das Angebot der Religionen oft schlagartig eine nie zuvor erlebte Bedeutung.

Rege Teilnahme

Menschen, die in ihrem Leben noch nie mit einem Pfarrer, einer Pfarrerin gesprochen haben, Menschen, denen der Begriff "Seelsorge" noch nie über die Lippen gekommen ist, suchen jetzt das Gespräch mit einem Vertreter, einer Vertreterin der Religion. Menschen, die seit Jahren keinen Gottesdienst besucht haben, suchen schriftlich, wie es die Regeln des Gefängnisses vorsehen, um Teilnahme am Gottesdienst an.

Dabei besuchen viele auch den Gottesdienst einer anderen Konfession oder Religion als ihrer eigenen. (Das Strafvollzugsgesetz lässt den Inhaftierten absolut freie Wahl bei der religiösen Begleitung.) Da aus Sicherheitsgründen die Zahl der Teilnehmenden beschränkt ist, ergeben sich im evangelischen Bereich immer wieder Wartelisten für die Teilnahme. Bei den anderen Konfessionen wird es ähnlich sein.

Feste als fester Ankerpunkt

Die Evangelische Seelsorge lädt Insassen und Insassinnen, die sich intensiver mit der Bibel und dem Glauben befassen wollen auch ein, im Gottesdienst ihre eigenen Gedanken zu einem biblischen Text vorzutragen. Immer wieder kommt es im Gottesdienst zu spontanen Gesprächen über eine Bibelstelle, an denen sich ein großer Teil der Anwesenden beteiligt. Mich als Predigerin überrascht es immer wieder, dass Insassen und Insassinnen Wochen später Gedanken zu meiner Predigt äußern beziehungsweise diese weitergedacht haben.

Die christlichen Feste Weihnachten, Ostern, Pfingsten und Totengedenken spielen im Gefängnis eine bedeutende Rolle. In Ermangelung der üblichen Folklore sind sie auf ihren inhaltlichen spirituellen Kern reduziert und erweisen sich als tragfähige Begleiter durch die jeweilige Zeit. Die Gefängnisseelsorger und Gefängnisseelsorgerinnen haben die Aufgabe, diese erwachende und erwachte Religiosität zu betreuen, eventuelle Auswüchse in Gesprächen, durch Predigten und sorgsam formulierte Gebete behutsam zu begrenzen.

Ein Hort der Ruhe

Als sich vor Jahren ein junger Mann in die Überzeugung des baldigen Weltunterganges und der nahenden Apokalypse hineinsteigerte, besuchte ich ihn ganz regelmäßig und las mit ihm die Bibelstellen, auf die er sich bei seinen Aussagen berief. Das Ergebnis war nicht, dass er alle meine theologischen Meinungen teilte. Das Ergebnis war jedoch, dass er ruhiger wurde, nicht mehr so fanatisch jedem den Untergang entgegenschleuderte.

Das Gefängnis als absolute Institution produziert unweigerlich den Tunnelblick auf alle Lebensbereiche, sei es Familie, Justiz, Gesellschaft oder eben Religion. Die Seelsorge aller Religionen und Konfessionen wirkt dem nach Kräften entgegen. Nicht nur im religiösen Bereich. (Christine Hubka, 20.12.2016)

Christine Hubka ist Gefängnisseelsorgerin in der Justizanstalt Wien-Josefstadt.

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