Sektionschef Pilnacek zu Alijew-Tod: "Von Wende kann keine Rede sein"

13. Dezember 2016, 11:30
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Justizministerium geht weiter von Suizid aus – Pilnacek verweist auf Beweisergebnisse abseits des rechtsmedizinischen Gutachtens

Wien – Das Justizministerium geht im Todesfall Rachat Alijew weiterhin von Suizid aus. "Von einer Wende kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil die Staatsanwaltschaft Wien eine Reihe von gegenteiligen Beweisergebnissen erbracht hat, die sich allein jetzt noch nicht als entkräftet darstellen lassen", sagte Sektionschef Christian Pilnacek am Dienstag im Ö1-Morgenjournal.

Der Leiter der Strafrechtssektion im Justizministerium verwies auf Gutachten bezüglich der Videoanlage und des Schließmechanismus der Zellentür, bei denen es jeweils keine Manipulationen gegeben habe. Außerdem seien alle Personen befragt worden, die mit Essens- und Medikamentenausgabe beschäftigt gewesen seien, und der Gerichtsmediziner Reinhard Haller habe eine Stellungnahme über die "Suizidgeneigtheit" von Alijew abgegeben.

Laut Gutachten "von fremder Hand"

Laut dem von Alijews Anwälten beauftragten Gutachter Bernd Brinkmann ist der kasachische Exbotschafter im Februar 2015 in seiner Gefängniszelle "von fremder Hand" gestorben. Der deutsche Rechtsmediziner bezeichnete Suizid- oder auch Unfallthesen als "Fantasiegebilde". Charakteristische Blutergüsse im oberen Brustkorb machten Alijews Tod vielmehr zu einem "Lehrbuchfall" für das sogenannte "Burking" (Ersticken durch Niederdrücken des Brustkorbs bei gleichzeitigem Zuhalten von Mund und Nase). "Das sieht ein Blinder", sagte Brinkmann. Alijew sei tot oder sterbend in jenen erhängten Zustand gebracht worden, in dem er in der Gefängniszelle aufgefunden wurde.

Pilnacek wollte nicht zu den medizinischen Feststellungen Brinkmanns Stellung nehmen. Als "nicht nachvollziehbar" bezeichnete der Spitzenbeamte jedoch den Vorhalt, die Obduktion sei "allein in Richtung Selbsttötung aufgebaut" worden. Schließlich sei die Rechtsmedizin im Schweizer Sankt Gallen "bewusst ausgewählt" worden, "um Vermutungen der Nichtobjektivität auszuschließen".

Schließt Neuaufrollen des Falles nicht aus

Der Sektionschef schloss aber nicht aus, dass der Fall neu aufgerollt werden könnte. Zunächst sei abzuwarten, was die Experten in Sankt Gallen zu den Ausführungen Brinkmanns sagen. Die Schweizer Rechtsmediziner hätten zugesagt, noch vor Weihnachten eine Stellungnahme zu liefern. "Wir denken, dass dann zumindest einmal die medizinischen Fragen hinreichend geklärt werden können", sagte Pilnacek.

Abschiedsbrief an Frau

Einen Mord am kasachischen Exbotschafter Rakhat Aliyev in seiner Gefängniszelle schließt die Wiener Wochenzeitung "Falter" unter Berufung auf Ermittlungsergebnisse auch "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" aus. Demnach hinterließ Aliyev auch eine Art Abschiedsbrief.

"Schütze das Geld für dich und die Kinder (...). Ich habe es nicht mehr geschafft. Dein Held hat keine Kraft mehr!", soll es in einem Schreiben Aliyevs an seine Frau geheißen haben. Diese habe selbst ein "mögliche Suizidgefährdung ihres Mannes" angesprochen, zitiert die Zeitung aus der Notiz eines Psychiaters wenige Monte vor dem Tod. In der Krankenakte werde 18-mal darauf hingewiesen, dass Aliyev "depressiv", "innerlich unruhig", "weinerlich" oder "einsam" sei.

Laut einem vom "Falter" zitierten Forensiker, der anonym bleiben wollte, könnten die vom Mediziner Bernd Brinkman monierten Male unterhalb der Strangulationsmarke, die er in einem von Aliews Witwe in Auftrag gegebenen Gutachten für das Vorliegen von Fremdeinwirkung interpretierte, auch von einem missglückten ersten Suizidversuch stammen.

"Riegelkontaktprotokoll"

Unklar ist, wie eine "fremde Hand", die Aliyev getötet haben soll, unbemerkt in die Zelle kommen konnte. Die Zellentüre wurde durch zwei Videokameras überwacht, und es gibt auch ein sogenanntes "Riegelkontaktprotokoll", das jede Öffnung der Zelle digital protokollierte. Weder die Video- noch die Zellentürdaten seien manipuliert worden, schreibt die Wochenzeitung unter Berufung auf von der Justiz eingesetzte Gutachter. Demnach erfolgte die letzte Zellenöffnung am Vortag des Todes um 17.18 Uhr, auf dem Video waren um 21.47 Uhr zuletzt Beamte zu sehen. Um 7.26 Uhr sei die Einzelzelle wieder geöffnet worden; Aliyev wurde bereits tot entdeckt.

Die Ermittler seien mehrere Thesen durchgegangen, heißt es in dem Bericht. Ein chemisch-toxikologisches Gutachten habe Vergiftung ausgeschlossen. DNA-Abriebe von Händen und Fingerkuppen schlossen einen Kampf aus, und in der Zelle fanden sich auch keine fremden DNA-Spuren. Der Schweizer Gerichtsmediziner habe schließlich "Kompression der Blutgefäße am Hals im Rahmen einer Strangulation" als Todesursache festgestellt. Er soll nun noch vor Weihnachten eine Stellungnahme zu den Erkenntnissen Brinkmanns abgeben, danach will die Wiener Justiz über die weitere Vorgangsweise entscheiden. (APA, 13.12.2016)

grafik: standard, fotos: apa, reuters, hopi, cremer, newald, fischer, urban
  • Der frühere kasachische Botschafter in Österreich Rakhat Aljew auf einem undatierten Archivbild. Der Exbotschafter wurde wegen Mordes angeklagt und im Februar 2015 in seiner Einzelzelle in der Justizanstalt Josefstadt tot aufgefunden.
    foto: apa/hbf/dragan tatic

    Der frühere kasachische Botschafter in Österreich Rakhat Aljew auf einem undatierten Archivbild. Der Exbotschafter wurde wegen Mordes angeklagt und im Februar 2015 in seiner Einzelzelle in der Justizanstalt Josefstadt tot aufgefunden.

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