Syrien: Kämpfe in Ostaleppo beendet, Evakuierung verzögert sich

14. Dezember 2016, 07:29
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Syrisches Militär stoppte seine Einsätze – Rebellengruppe: Zivilisten und Kämpfer sollen die Rebellengebiete verlassen

Aleppo – Die Kampfhandlungen im Osten der syrischen Metropole Aleppo sind nach Aussage des russischen UN-Botschafters Witali Tschurkin beendet. Das syrische Militär habe seine Einsätze gestoppt, um den bewaffneten Aufständischen und ihren Familien die Flucht aus der Stadt zu ermöglichen, sagte Tschurkin am Dienstag.

Doch die Evakuierung des Ostens der Stadt kam Mittwochfrüh vorerst noch nicht voran. Schiitische Milizen, die die syrische Armee unterstützen, würden verhindern, dass die Menschen aus den bis zuletzt von der Opposition gehaltenen Gebieten abziehen könnten, sagte ein Rebellenvertreter am Mittwoch. Der Waffenstillstand sei aber weiterhin aufrecht.

Ein Mitarbeiter der Agentur Reuters meldete, bisher habe kein Kämpfer und kein Zivilist Ostaleppo verlassen. Rund 20 Busse stünden zwar mit laufenden Motoren bereit, allerdings hätten sich bisher keine davon in Bewegung gesetzt.

6.000 Zivilisten geflohen

Offenbar unabhängig von den offiziellen Bemühungen zur Evakuierung haben in den vergangenen 24 Stunden nach russischen Angaben etwa 6.000 Menschen die von den Rebellen gehaltenen Gebiete verlassen. Zudem hätten 366 Rebellen ihre Waffen niedergelegt.

Aus den bisher von den Rebellen gehaltenen Gebieten wurde Mittwochfrüh gemeldet, dass Bewohner Teile ihres Besitzes in den Straßen verbrennen. Sie befürchten nach eigenen Angaben, dass ihre persönlichen Gegenstände – Fotos, Tagebücher, aber auch Kleidung – bei Plünderungen iranischen Milizen oder syrischen Truppen in die Hände fallen könnten.

Feuerpause

Nach jahrelangen Kämpfen und einer monatelangen Blockade durch Regierungstruppen hatten die Rebellen zuvor ihren Widerstand aufgegeben. Eine Feuerpause sei vereinbart worden, teilte Tschurkin mit. Die eingeschlossenen Zivilisten könnten in Sicherheit gebracht werden. Die Anhänger der Rebellen würden sich in andere syrische Gebiete zurückziehen, die nicht unter Kontrolle der Regierung stünden. Offenbar war die Einigung für die Evakuierung von Zivilisten und Kämpfern aus den belagerten Vierteln von Ostaleppo unter Vermittlung Russlands und der Türkei zustande gekommen

Die Angaben über die Zahl der noch in Aleppo eingeschlossenen Menschen gingen am Mittwoch auseinander. Hilfsorganisationen sprachen von bis zu 100.000 Menschen, die syrische Regierung rechnete mit etwa 40.000. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen rief alle Kriegsparteien dringend dazu auf, ihrer Verpflichtung zum Schutz von Zivilisten nachzukommen.

UN: "Hinrichtungen"

Am Vortag hatte es Berichte über Erschießungen von Zivilisten gegeben. Dienstagfrüh sprach UN-Generalsekretär Ban Ki-moon von "Gräueltaten an der Zivilbevölkerung" Aleppos. Er bezog sich auf Berichte, wonach syrische Regierungstruppen bei Vorstößen ins Rebellengebiet mindestens 82 Zivilisten getötet hätten.

Der Sprecher des Hochkommissars für Menschenrechte, Rupert Colville, nannte diese Taten am Dienstag "Hinrichtungen". Zudem seien Menschen, die versucht hätten, aus ihren Häusern zu fliehen, auf der Straße erschossen worden. Unter den Opfern seien mindestens elf Frauen und 13 Kinder gewesen. Jens Laerke, Sprecher des Koordinationsbüros für humanitäre Hilfe, sah einen "Zusammenbruch der Menschlichkeit". Schon vor Tagen hatte die Uno berichtet, dass dutzende Männer auf der Flucht aus Aleppo von Regierungstruppen von ihren Familien getrennt worden seien und seither vermisst würden.

Auch das Rote Kreuz sprach am Dienstag von einer "katastrophalen humanitären Lage" und forderte die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf, "bevor es zu spät ist". Das Stadtgebiet drohe im Chaos zu versinken, während "Tausende, die an der Gewalt völlig unbeteiligt sind, keinerlei sicheren Ort haben, an den sie flüchten können". Allerdings hatte es auch immer wieder Vorwürfe gegen die Rebellen gegeben, sie hätten Zivilisten festgehalten oder als lebende Schilde missbraucht. (APA, 14.12.2016)

  • Einwohner verlassen den belagerten Teil Aleppos. Aufgenommen am 13. Dezember 2016.
    foto: apa/afp/karam al-masri

    Einwohner verlassen den belagerten Teil Aleppos. Aufgenommen am 13. Dezember 2016.

  • Zerstörte Gebäude in Aleppo.
    reuters/omar sanadiki

    Zerstörte Gebäude in Aleppo.

  • Die Kämpfe brachten Leid und Zerstörung.
    foto: afp photo / george ourfalian / alternative crop

    Die Kämpfe brachten Leid und Zerstörung.

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