Staatliches Doping: Vor Russland nicht auf dem Bauch

13. Dezember 2016, 10:32
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Österreich und andere Länder könnten sich nach Berichten über staatliches russisches Doping dem lettischen Boykott der Bob- und Skeleton-WM in Sotschi anschließen. Verbandspräsident Roman Schobesberger sieht Russland "praktisch überführt"

Lake Placid / Innsbruck – Es wird vor Weihnachten eng und immer enger. Eine Vorstandssitzung im österreichischen Bob- und Skeletonverband (ÖBSV) soll sich "aber noch ausgehen". Sagt Roman Schobesberger, der ÖBSV-Präsident. Schließlich gilt es eine Linie zu finden im Hinblick auf die Bob- und Skeleton-WM, die ab 13. Februar in Sotschi stattfindet, auf der Olympiabahn 2014.

2014, auch darum geht es im jüngsten, dem zweiten McLaren-Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Mehr als tausend russische Sportlerinnen und Sportler sollen binnen zehn Jahren in einem groß angelegten, staatlichen Dopingsystem, nun ja, aufgegangen sein. Laut einem Bericht der New York Times war auch Skeleton-Olympiasieger Alexander Tretjakow in diesem System erfasst. Russland dementiert heftig, der Weltverband (IBSF) will den Bericht, wie es heißt, noch eingehend studieren.

Aufregung

Unter den Aktiven, die am Wochenende ihren Weltcup in Lake Placid (USA) bestreiten, herrscht große Aufregung. Der lettische Verband ist sich seiner Sache aber schon sicher und teilte mit: "Nach den jüngsten Enthüllungen sagen wir: Genug ist genug. Während unser Weltverband den "McLaren-Report" noch immer 'lesen und verdauen' will, werden wir tun, was wir können. Wir werden mit Freude die Weltmeisterschaft auf jeder Bahn der Welt austragen. Aber wir werden nicht an den Weltmeisterschaften in Sotschi, Russland teilnehmen. An einem Ort, wo 2014 der olympische Geist gestohlen wurde." Die Letten sind in diesem Sport nicht irgendwer, bei der jüngsten WM in Innsbruck-Igls kamen sie im Medaillenspiegel hinter Deutschland auf Rang zwei. Martins Dukurs war im Skeleton viermal Weltmeister, nur 2013 war er – wie bei Olympia 2014 – hinter Tretjakow Zweiter.

Auch die US-Athleten und die britische Skeleton-Olympiasiegerin Lizzy Yarnold ziehen einen Boykott der WM in Erwägung. Pikanterie am Rande: Zu den bereits im ersten Wada-Bericht erwähnten Sportlern gehört Alexander Subkow, der in Sotschi beide Bob-Titel geholt hatte. Im Juni wurde Subkow dennoch zum Präsidenten des Weltverbands gewählt. Der 42-Jährige weist alle Anschuldigungen zurück.

Unter Umständen vorstellbar

Ob sich Österreich, das in den Osten traditionell gute sportpolitische Beziehungen pflegt, vor Russland auf den Bauch wirft, bleibt abzuwarten. ÖBSV-Präsident Schobesberger erklärt im Gespräch mit dem Standard: "Unter Umständen ist ein WM-Boykott schon vorstellbar." Für Schobesberger, Rechtsanwalt in Innsbruck, ist Russland des Staatsdopings "praktisch überführt. Das geht mit Sicherheit über den bloßen Verdacht hinaus." Dass die WM nun ausgerechnet in Sotschi stattfindet, ist laut Schobesberger "ein weiteres Problem".

Das wird im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wohl ähnlich gesehen. Es nannte die jüngsten Erkenntnisse "einen fundamentalen Angriff auf die Integrität der Olympischen Spiele und des Sports im Generellen". Insider halten es durchaus für möglich, dass das IOC nicht umhinkommen wird, Russland von den Winterspielen 2018 in Pyeongchang (Südkorea) auszuschließen. Vor den Sommerspielen in Rio 2016 hatte das IOC – anders als das Internationale Paralympische Komitee (IPC) – von diesem Schritt noch Abstand genommen. (Fritz Neumann, 13.12.2016)

  • Alexander Tretjakow scheint laut New York Times ebenfalls im Bericht auf.
    foto: epa/hase

    Alexander Tretjakow scheint laut New York Times ebenfalls im Bericht auf.

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