Fall Alijew: Gutachten soll Mord in Zelle beweisen

12. Dezember 2016, 14:36
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Ein von seinen Verteidigern in Auftrag gegebenes Privatgutachten soll beweisen, dass Rachat Alijew sich 2015 nicht selbst erhängt hat

Wien – Fest steht, dass am 24. Februar 2015 die Leiche des kasachischen Exbotschafters Rachat Alijew in der Justizanstalt Wien-Josefstadt gefunden wurde: in der Duschzelle seiner Einzelzelle im fünften Stock mit einer Mullbinde um den Hals an den Armaturen hängend.

Nach zwei gerichtsmedizinischen Gutachten, eines in Wien, das zweite in Sankt Gallen, stand für die Experten fest: Alijew hat sich kurz vor Beginn seines Prozesses um den Mord an zwei Bankmanagern in Kasachstan selbst erhängt.

Ein Befund, dem nun in einem im Auftrag von Alijews Verteidiger Manfred Ainedter verfassten Privatgutachten eines deutschen Mediziners widersprochen wird. Bernd Brinkmann kommt in seiner Expertise zu dem Schluss, dass der damals 52 Jahre alte Alijew ermordet worden ist.

Tod durch Burking

Demnach sei er nicht durch Erhängen gestorben, sondern durch das sogenannte Burking. Dabei wird der Brustkorb des Opfers so stark zusammengepresst – beispielsweise indem man auf dem Brustkorb kniet – und gleichzeitig Mund und Nase zugehalten, sodass der Erstickungstod eintritt.

Brinkmann schließt dies aus Flecken unterhalb der Strangmarke am Hals, die seiner Aussage zufolge "lehrbuchmäßig" für diese Tötungsart seien. Dazu komme die blau-violette Färbung des Gesichts, auch würde die Strangulationsmarke im Genick zeigen, dass es kein Erhängen sein könne. Der deutsche Mediziner geht davon aus, dass es mindestens zwei Täter geben müsse.

Allerdings: Gesehen hat der 77-jährige Koherausgeber des "Handbuchs der gerichtlichen Medizin" die Leiche nie, er kommt – eindreiviertel Jahre später – nur anhand von Fotos und der früheren Befunde zu diesem Schluss.

Schlampigkeit

Warum die Wiener und Schweizer Pathologen dies nicht erkannt haben? Den Wienern wirft er de facto Schlampigkeit vor, sie hätten eine vorgefasste Meinung gehabt und die falschen Schlüsse gezogen. Die Schweizer wiederum hätten neun Tage später die bereits obduzierte Leiche bekommen, aber nicht die Fotos dazu.

Stimmt dieser neue Befund, muss es in der Justizanstalt Josefstadt eine großangelegte Verschwörung unter den Beamten geben. Egal ob Personalmitarbeiter selbst, Mithäftlinge oder ins Gefängnis geschleuste externe Personen die Mörder sein sollen – es muss massive Manipulationen gegeben haben.

Wie ein Lokalaugenschein des STANDARD kurz nach dem Tod Alijews ergeben hat, müssten zunächst die Videoaufnahmen des Ganges gelöscht worden sein. Das wiederum können nur die Direktion und Personalvertreter machen.

Den Alarm, der beim nächtlichen Öffnen einer Zellentür losgeht, müsste der Wachhabende im Stockwerk ignoriert haben. Er selbst kann nicht aufgesperrt haben – in der Nacht sind die Schlüssel bei zwei Beamten in einem anderen Stockwerk, die nur gemeinsam aktiv werden dürfen. Und schließlich müsste auch noch der Zähler, der registriert, wie oft eine Tür geöffnet wird, zurückgedreht worden sein.

Anspielungen des Anwalts

Fragt man Verteidiger Ainedter, ob er die Justizwachebeamten beschuldigt, gibt er darauf keine konkrete Antwort. Er bezeichnet die Angelegenheit nur als "aufklärungsbedürftig", daher habe er das Gutachten auch an die Staatsanwaltschaft übermittelt, die den Schweizer Gutachter um eine Stellungnahme gebeten habe.

Ainedter sagt auch, er wisse nicht, wie der Mord geschehen sein soll, und will auch kein Motiv dafür nennen – "obwohl das auf der Hand liegt", spielt er auf frühere Interventionen des kasachischen Geheimdienstes an. (Michael Möseneder, 12.12.2016)

Chronologie der Causa Alijew:

2002 – 2005: Rachat Alijew, Schwiegersohn von Kasachstans Präsident Nasarbajew, als Botschafter in Wien.

Jänner 2007: Zwei Manager der kasachischen Nurbank (Haupteigentümer Alijew) verschwinden.

Februar 2007: Alijew erneut Botschafter in Wien.

Mai 2007: Absetzung als Botschafter, Kasachstan erlässt Haftbefehl und will Auslieferung (Österreich lehnt ab).

Juni 2007: Alijew vorübergehend in U-Haft in Wien.

Jänner 2008: Alijew in Abwesenheit in Kasachstan zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Mai 2011: Vermisste Manager werden auf ehemaligem Firmengelände Alijews tot aufgefunden.

November 2013: Alijew wird österreichischer Fremdenpass entzogen.

Juni 2014: Alijew am Wiener Flughafen festgenommen.

Dezember 2014: Mordanklage gegen Alijew (nach Heirat Shoraz) und zwei weiterer Verdächtige in Österreich.

24. Februar 2015: Alijew wird mit Mullbinden erhängt in Zelle aufgefunden. Am gleichen Tag hätte der 52-Jährige gegen zwei Mithäftlinge aussagen sollen, die ihn erpresst und ihn mit dem Tod bedroht haben sollen. Gerichtsgutachten bestätigt Suizid.

Juli 2015: Ein Mitangeklagter Alijews wird freigesprochen, der andere zu zwei Jahren teilbedingt verurteilt (inzwischen rechtskräftig).

Dezember 2016: Privatgutachten: Alijew starb "durch fremde Hand". (simo)

  • Das Badezimmer zeigt eine baugleiche Zelle, wie jene, in der der ehemalige kasachische Botschafter Rakhat Aliyev tot aufgefunden wurde.
    foto: apa/helmut fohringer

    Das Badezimmer zeigt eine baugleiche Zelle, wie jene, in der der ehemalige kasachische Botschafter Rakhat Aliyev tot aufgefunden wurde.

  • Das Gutachten im Wortlaut (PDF)

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