Körperverletzungsprozess: Killerclown und Türterror zu Halloween

12. Dezember 2016, 13:41
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Ein 60-Jähriger soll einen Buben bedroht und dessen Vater verletzt haben. Er leugnet und sagt, er habe Angst vor einem Vermummten gehabt

Wien – Michael K. ist 60 Jahre alt und scheint mit der heimischen Medienlandschaft nicht ganz firm zu sein. "Ich lese jeden Tag die U-Bahn-Zeitung. 'Täglich alles' (eine vor 16 Jahren eingestellte Boulevardzeitung, Anm.)." Damit erklärt er Richter Stefan Erdei, warum er über Killerclowns Bescheid weiß. Und warum er aus Furcht vor diesen ein Kind mit einem Holzstock und der Aussage, ihm den Schädel einzuschlagen, bedroht haben soll.

Die Geschichte spielt in einem Gemeindebau in Wien-Floridsdorf am Nachmittag des 31. Oktober. Ein Datum, dessen Bedeutung dem dreifach Vorbestraften ebenso nicht so geläufig ist. "Bei uns gibt's die Sternsinger. Das Halloween ist mir fremd", behauptet er.

Am fraglichen Tag sei er jedenfalls in seiner Wohnung gewesen und habe gekocht. Plötzlich habe es an der Tür geklopft. So heftig, dass er Angst hatte, sie würde aus den Angeln gerissen. "Das war Türterror! Ich habe durch den Spion geschaut, dort ist ein großer, schlanker Mann mit einer Killerclownmaske gestanden!", schildert er.

Angst vor Machete

"Ich habe ja nicht gewusst, ob der eine Machete dabei hat", beschreibt er seine Sorge. Daher habe er durch die geschlossene Tür lautstark gedroht, die Polizei zu alarmieren. Das machte er doch nicht, sondern zog sich an, nahm seinen Pfefferspray und einen 40 Zentimeter langen Holzstock und suchte den Clown.

"Warum haben Sie das gemacht? Ich dachte, Sie hatten Angst?", wundert sich Erdei. "Ich wollte ihn fotografieren. Als Beweis." – "Und da nehmen Sie einen Stock mit?" – "Na ja, damit ich ihn abwehren kann, falls er mich angreift."

K. sagt, er habe dann doch niemanden gesehen und im Erdgeschoß gewartet, um den unheimlichen Besucher abzupassen. Plötzlich sei die Lifttür aufgegangen, zwei Männer und "Halbwüchsige" – Kinder zwischen vier und zehn Jahren – seien herausgekommen. Der eine Mann habe ihn sofort angeschrien, warum er seinen Sohn bedrohe, und ihn gepackt.

Nur an Armen festgehalten

"Ich habe ihn an den Armen festgehalten, um mich zu verteidigen", sagt der Angeklagte. Erdei interessiert, woher dann die Kratzwunde am Hals des Opfers stammt. "Der andere Mann hat ihn dann von mir weggerissen, der muss ihn erwischt haben."

Plötzlich sei die Polizei da gewesen. "Dass muss ein Trick von denen gewesen sein! Sie haben gehört, dass ich mit der Polizei gedroht habe, da haben sie sie selbst gerufen und sich die Geschichte ausgedacht!", ist er überzeugt. Denn: "Das war ja widerrechtliches Betreten einer Wohnanlage und Betteln!", echauffiert er sich.

Die Eltern der Kinder erzählen eine gänzlich andere Geschichte. Die Kleinen hätten zwar an K.s Tür geklopft, der habe aber Unverständliches gebrüllt, da seien sie gegangen. Als sie im ersten Stock waren, sei die Lifttür aufgegangen und der Angeklagte ausgestiegen. Mit dem Stock schlug er immer wieder in seine flache Hand. Und mit "Du kannst froh sein, dass ich nicht gleich die Tür aufgemacht und dir den Schädel eingeschlagen habe!" soll er einen Zehnjährigen angebrüllt haben. Auch "H.-C. Strache, Rache!" wollen die Zeugen gehört haben.

Ehemann alarmiert

Eine der Mütter rief ihren fünf Minuten entfernt wohnenden Gatten an. Als der eintraf, sei Herr K. im Erdgeschoß gewesen und noch immer aggressiv. "Ich wollte ihn beruhigen, er hat mich an den Armen gepackt. Irgendwann habe ich ihm den Stock weggenommen, den wollte er erwischen, da muss er mich gekratzt haben."

Dass die Wunde vom zweiten Mann stamme, bestreitet er. "Der hat ihn zur Seite geschoben, mich nicht einmal berührt." Dieser zweite Mann hat übrigens einen ziemlich guten Beweis für seine Unschuld: "Ich bin ein Fingernagelbeißer. Es ist unmöglich, dass ich wen kratze", zeigt er zur Erheiterung des Richters seine sehr kurzen Nägel her.

Verteidiger Gunter Estermann führt ein tapferes Rückzugsgefecht. Er beantragt eine Rufdatenrückerfassung und eine Standortpeilung des herbeigeeilten Mannes und seiner Frau. Die Hoffnung: Wenn die Frau gar nicht angerufen hat, beweise das, dass sein Mandant recht habe mit der Behauptung, es seien zwei Männer anwesend gewesen. Erdei gibt dem Antrag statt und vertagt auf 16. Jänner. Eine Killerclownmaske entdeckte die Polizei übrigens bei keinem Beteiligten. (Michael Möseneder, 12.12.2016)

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