Österreicher sehen gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht

12. Dezember 2016, 13:39
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Mehrheit für Vermögenssteuer, 83 Prozent beobachten wachsende Kluft zwischen Arm und Reich – WU-Studie zeigt Wohnen als drängendstes Problem

Wien – Fast neun von zehn Österreichern beobachten eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, 83 Prozent nehmen diese aufgehende Schere als Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts wahr. Das zeigt das 20. Sozialbarometer der Volkshilfe, wofür das Sora-Institut im Oktober 1.052 Face-to-face-Interviews geführt hat. 86 Prozent glauben laut der repräsentativen Befragung auch, dass steigende Armut und Arbeitslosigkeit das Vertrauen in die Demokratie senken.

"Ungleichheit manifestiert sich nicht nur bei den Ärmsten, sondern ist schädlich für die gesamte Gesellschaft", sagte Volkshilfe-Geschäftsführer Erich Fenninger am Montag bei Präsentation der Ergebnisse. Es herrsche die Ideologie vor, dass jeder alles schaffen könne, wenn er sich nur genug anstrenge. "Doch das ist falsch", so Fenninger. Würde man den amerikanischen Traum leben wollen, müsse man nach Dänemark fahren, wo soziale Mobilität nach oben möglich sei.

14 Prozent armutsgefährdet

Dass das Wirtschaftswachstum allen etwas bringe, stimme nicht, sagt Fenninger – diese Erfolge würden "nur bei den Bestsituierten der Gesellschaft durchschlagen". Mehr als acht von zehn Befragten sind laut dem Sozialbarometer der Meinung, dass es in der Verantwortung des Staates liegt, die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. Das tut der Staat – "noch", wie Fenninger sagt. 44 Prozent der Bevölkerung wären ansonsten armutsgefährdet, dank Sozialleistungen reduziere sich dieser Wert auf 14 Prozent, immerhin noch 1.178.000 Menschen.

Der Volkshilfe-Direktor zitiert Erhebungen der Nationalbank aus den Jahren 2010 und 2014, wonach die ärmsten 50 Prozent der Haushalte weniger als vier Prozent des Bruttovermögens besitzen, die reichsten fünf Prozent hingegen 45 Prozent.

Mehrheit für Vermögenssteuern

70 Prozent der Befragten sprachen sich für Steuern von einem Prozent auf Vermögen über 500.000 Euro aus – eine Forderung der Volkshilfe, die auch für Erbschafts- und Schenkungssteuern eintritt. Die Nichtregierungsorganisation warnt zudem vor Kürzungen der Mindestsicherung. Diese sollten zurückgenommen beziehungsweise gar nicht vorgenommen werden. Bei der Debatte über dieses "Instrument zur Bekämpfung und Vermeidung von Armut und sozialer Ausgrenzung" sei es stark um Flüchtlinge als Bezieher gegangen, Kürzungen träfen nun aber vor allem Kinder.

Armutsstudie: Wohnen "brennendstes" Thema

Auch die Wirtschaftsuniversität Wien und die Armutskonferenz veröffentlichten am Montag Ergebnisse einer Studie zur Armutsbekämpfung, die im Auftrag des Sozialministeriums durchgeführt wurde. "Von den brennenden Themen ist das derzeit heißeste: das Wohnen", hieß es in einer Aussendung zu den Studienergebnissen. "Die Mietpreise sind in den letzten Jahren – vor allem in den urbanen Regionen von Salzburg, Innsbruck und Wien – derart in die Höhe geschlossen, dass armutsbetroffene Personen kaum noch leistbaren Wohnraum finden", berichten die Studienautorinnen Evelyn Dawid und Karin Heitzmann vom Institut für Sozialpolitik der WU.

Die Folge sei ein Anstieg bei prekären Wohnverhältnissen und versteckter Wohnungslosigkeit: Manche Armutsbetroffene würden in Räumen ohne Fenster, ohne Strom, ohne Wasser leben oder in überfüllten Wohnungen. Aus Notunterkünften, die eigentlich für akut Wohnungslose gedacht sind, würden zunehmend Dauerwohnstätten.

Viele Menschen mit psychischen Problemen

Von Wohnungslosigkeit besonders betroffen sind demnach Personen mit Migrationshintergrund, die mit Vorurteilen von Vermietern konfrontiert seien. In der Armutsbekämpfung engagierte Organisationen würden derzeit "mehr Klienten mit psychischen Problemen oder Krankheiten betreuen als noch vor zehn Jahren", sagt Martin Schenk von der Armutskonferenz. Leistbare Therapieangebote und dergleichen würden jedoch fehlen. (spri, 12.12.2016)

  • Die Leistbarkeit von Wohnraum ist laut einer WU-Studie das "brennendste Thema"  für armutsbetroffene Personen. Laut dem Sozialbarometer der Volkshilfe sehen 83 Prozent der Österreicher die Kluft zwischen Arm und Reich auseinandergehen.
    foto: apa/dpa/marcel kusch

    Die Leistbarkeit von Wohnraum ist laut einer WU-Studie das "brennendste Thema" für armutsbetroffene Personen. Laut dem Sozialbarometer der Volkshilfe sehen 83 Prozent der Österreicher die Kluft zwischen Arm und Reich auseinandergehen.

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