Fast zweihundert prokurdische Politiker in Türkei festgenommen

12. Dezember 2016, 08:38
209 Postings

Nach dem Doppelanschlag in Istanbul kommt es zu landesweiten Einsätzen gegen Vertreter der kurdischen HDP

Istanbul – Nach dem erneuten Anschlag in Istanbul mit 44 Toten hat die türkische Polizei in landesweiten Razzien mehr als 230 Menschen wegen Terrorpropaganda-Vorwürfen festgenommen. Die 235 Festgenommenen hätten "im Namen einer Terrororganisation" gehandelt und "Terrorpropaganda über soziale Medien verbreitet", meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Montag.

Viele der Festgenommenen waren Mitglieder der prokurdischen Partei HDP. Insgesamt wurden am Montag 198 HDP-Anhänger und -Politiker festgenommen, darunter die örtlichen Parteivorsitzenden von Istanbul und Ankara, Ayşe Güzel und Ibrahim Binici, meldete die Agentur weiter.

Ihnen werden demnach Verbindungen zur verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK zur Last gelegt. Die von der Türkei als PKK-Ableger eingestufte Miliz TAK hatte sich zuvor zu den Anschlägen bekannt. Die Zahl der Todesopfer nach den Explosionen am Samstagabend erhöhte sich Regierungsangaben zufolge inzwischen auf 44. Bisher wurden 38 Tote gezählt.

Bei Razzien in Adana in der Südtürkei seien in den frühen Morgenstunden rund 500 Polizisten im Einsatz gewesen, meldete Anadolu weiter. Die Beamten rückten demnach mit gepanzerten Fahrzeugen an, ein Hubschrauber überflog das Einsatzgebiet. 25 HDP-Politiker wurden in Gewahrsam genommen. Die größte Verhaftungswelle gab es am Montag aber in dem ebenfalls im Süden gelegenen Mersin. Allein dort wurden 51 Personen festgesetzt. In Istanbul und Ankara kamen unter anderem die örtlichen HDP-Chefs in Haft. Auch in der Provinz Manisa im Nordwesten des Landes gab es einige Festnahmen.

Angriffe auf mutmaßliche PKK-Stellungen

Am Samstagabend waren im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş zwei Sprengsätze beim örtlichen Fußballstadion detoniert. Die meisten Todesopfer – insgesamt 36 von 44 – seien Polizisten, teilte das Gesundheitsministerium am Montag laut Anadolu mit. Durch die Explosion seien zudem rund 150 Menschen verletzt worden.

Die Regierung hatte umgehend Vergeltungsschläge gegen kurdische Aufständische angekündigt. Inzwischen flogen türkische Kampfflugzeuge Angriffe auf mutmaßliche PKK-Stellungen im Nordirak. Dem Militär zufolge wurde bei den Einsätzen am Sonntagabend unter anderem eine zentrale Stellung der PKK zerstört.

Die türkische Luftwaffe greift seit Monaten immer wieder Ziele in den Bergregionen des Nachbarlandes an, wo sie PKK-Kämpfer vermutet. Im Juli 2015 war eine zwei Jahre zuvor ausgerufene Waffenruhe gescheitert. Die PKK kämpft seit drei Jahrzehnten für mehr Autonomie der Kurden. Dabei wurden mehr als 40.000 Menschen getötet. Nicht nur die Türkei, sondern auch die USA und die Europäische Union stufen die PKK als Terrororganisation ein. (Reuters, 12.12.2016)

Share if you care.