Pisa, vier Irrtümer und schiefe Debatten

Kommentar der anderen11. Dezember 2016, 19:08
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Bei aller angebrachten Kritik nach dem neuesten Pisa-Ranking: Man sollte den Turm im Dorf lassen und sich statt Durchschnitten die Problemschulen ansehen. Dort würde ein Supportsystem für Schüler und Lehrer an Brennpunktschulen am meisten helfen

Die Diskussionen über neue Pisa-Ergebnisse laufen mittlerweile nach einem ähnlichen Muster ab. Ganz am Anfang stehen Dramatisierungen und Horrormeldungen, dann kommen die Schuldzuweisungen.

Das ist auch schon der erste Irrtum. Österreich ist seit Pisa 2000 nicht "katastrophal abgestürzt", es handelt sich um kein "Debakel". Wir sind internationales Mittelmaß – auch wenn das schon schlimm genug ist. Übersehen wird gerne, dass etwa bei den Naturwissenschaften die Punktezahlen der Staaten eng beieinanderliegen. Zwischen Platz 26 (Österreich) und Platz 14 (Australien) liegen gerade einmal fünfzehn Punkte, und das bei einer Gesamtzahl von etwa 500 Punkten. Die Zahl der beteiligten Länder hat sich im Laufe der Jahre außerdem erhöht.

Misst vor allem sprachliche und kognitive Leistungen

Zweiter Irrtum: Pisa sage etwas über die Qualität von Schulsystemen aus. Tatsächlich ist Pisa ein Test, der ausschließlich die vor allem sprachlichen und kognitiven Leistungen von Schülern misst und nicht die Qualität unterschiedlicher Schulsysteme. Es gibt Gesamtschulsysteme, die bei Pisa sehr gut, und andere, die extrem schlecht abschneiden. Deutsche Bundesländer mit einem gegliederten Schulwesen wie Bayern gehören zu den erfolgreichsten Ländern, ganz im Gegensatz zu Bundesländern mit Gesamtschulmodellen.

Bei den Ranglisten werden beeinflussende Faktoren – etwa der Anteil fremdsprachiger Schüler – nicht gewichtet. In einem offenen Brief an Andreas Schleicher haben Bildungsexperten 2014 betont, dass Pisa nur einen ganz kleinen Ausschnitt an quantifizierbaren Aspekten von Bildung misst, nicht jedoch "weniger messbare oder nicht messbare Bildungs- und Erziehungsziele" wie moralische, staatsbürgerliche, soziale oder künstlerische Fähigkeiten.

Dritter Irrtum: Nur die umfassende Reform des Schulsystems führe zum Erfolg. Wirklich entscheidend ist nicht das System, sondern die Qualität des täglichen Unterrichts. Finnland und andere Spitzenreiter bei Pisa profitieren unter anderem davon, dass dortige Lehrkräfte im Unterricht störungsfrei das tun können, wofür sie ausgebildet wurden: nämlich unterrichten und – wie das Andreas Gruschka formuliert hat – lehren zu verstehen.

Frontale Finnen

Vierter Irrtum: Nur die richtige, nämlich modernste Didaktik und Methodik führen zum Erfolg. Ein Blick auf Finnland hilft hier weiter. Gabriel Heller Sahlgren hat argumentiert, dass Finnlands frühe Erfolge bei Pisa auch auf einen autoritären Frontalunterricht zurückzuführen waren. Erst seit den 1990er-Jahren hat sich das gewandelt. Mittlerweile ist Finnland bei den Wertungen massive abgerutscht, zwischen 2003 und 2012 etwa 25 Punkte, das entspricht einem ganzen Schuljahr.

"Wer heute glaubt", warnte Pisa-Expertin Thelma von Freymann schon vor Jahren, "eine Lehrkraft könne im Klassenunterricht allen Kindern gleichermaßen gerecht werden, wenn sie nur methodisch kompetent genug sei, der glaubt an den pädagogischen Weihnachtsmann" (Hamburger Abendblatt, 7. Februar 2004).

Extreme Schwankungen zwischen Schultypen

Wirklich katastrophal ist die Tatsache, dass über 20 Prozent der Getesteten zur Gruppe der Risikoschüler gehören. In Österreich gibt es extreme Schwankungen zwischen den einzelnen Schultypen und dann noch einmal innerhalb der Schultypen selbst. Es sind vor allem Pflichtschulen in den Ballungszentren, die Österreich in der Wertung nach unten rutschen lassen. Wer im Bereich der Lesekompetenz zur Risikogruppe gehört (23 Prozent), ist fast oder ganz funktioneller Analphabet. Zwischen Schülern aus bildungsnahen und solchen aus bildungsfernen Familien liegen etwa 100 Punkte.

Die Diskussion sollte gerade hier ansetzen: nicht mit Schuldzuweisungen oder Vorschlägen zu einer "Systemänderung", sondern bei der Frage, warum manche Schulen so gut sind und leider sehr viele viel zu schlecht. Das muss mit der Qualität des Unterrichts zu tun haben, mit Faktoren wie dem Schulklima, der Beziehungsebene, der Motivation aller Beteiligten, den Deutschkenntnissen der Immigrantenkinder, der Leistungsfähigkeit und -willigkeit der Schüler, der unterstützenden Hilfe der Eltern und der Kompetenz der Lehrkräfte.

Chancenindex

Heidi Schrodt hat an dieser Stelle schon im Oktober an der letzten Bildungsreform zu Recht kritisiert, dass "eine gerechte Ressourcenzuteilung an Schulen gemäß einem Chancenindex" fehle (DER STANDARD, 22. Oktober 2016). Es herrscht noch immer das Gießkannenprinzip, obwohl vor allem Pflichtschulen in den Ballungszentren mit riesengroßen Herausforderungen konfrontiert sind. Es fehlt ein Supportsystem für Schüler – etwa mit Sozialarbeitern, Schulpsychologen, Sprach- und Förderlehrern – und für ausgebrannte Lehrer genau an diesen Brennpunktschulen.

Die Verantwortlichen wären verpflichtet, jenen Schulen zu helfen, die in den Wertungen nicht einmal Pisa-Mittelmaß erreichen. Ich fürchte aber, dass Zyniker wie Thomas Vitzthum richtigliegen (Die Welt, 6. Dezember 2016). Ein paar Tage öffentliche Aufregung. Der Rest ist Schweigen. (Georg Cavallar, 11.12.2016)

Georg Cavallar ist seit über 25 Jahren Lehrer und Lehrbeauftragter an der Universität Wien. Sein neuestes Buch "Theories of dynamic cosmopolitanism in modern European history" wird 2017 bei Peter Lang erscheinen.

Nachlese

Kommentar der anderen von Heidi Schrodt: Bildungsreform: Kein Grund zur Euphorie

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