Türkei: Das Jahr des Terrors am Bosporus

11. Dezember 2016, 15:59
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Die Türkei kommt nicht zur Ruhe: ein vereitelter Putsch, dann eine beispiellose Säuberungswelle, nun wieder Terror in Istanbul

Istanbul – "Todesstrafe!", rufen sie, und "Nein zur EU!" Mehrere Tausend ziehen am Tag nach dem Doppelanschlag am Stadion von Beşiktaş vorbei, schwenken die rote türkische Fahne, manche lassen ihrer Wut freien Lauf.

Die Europäische Union steht wieder am Pranger. Seit Wochen trommelt die türkische Regierung schon lautstark gegen die "Terrorismus-Unterstützer", vor allem gegen Deutschland. Die Deutschen, so heißt es unablässig, würden die PKK-Bomber und die Putschisten der Gülen-Bewegung beherbergen. Den türkischen Botschafter in Wien hat die Regierung schon im vergangenen Sommer nach einer prokurdischen Demonstration mit PKK-Sympathisanten abgezogen.

Frust und Nationalismus

44 Menschen starben dieses Mal, die meisten waren Polizisten. Samstagabend, nach einem Spiel zwischen Beşiktaş und Bursaspor, sprengten sich zwei Attentäter in die Luft. Das Dutzend der schweren Terroranschläge in türkischen Städten in diesem Jahr ist damit voll.

Alles vermischt sich nun: der Frust über die Europäer, die Ohnmacht angesichts der Terrorserie im Land, der Nationalismus und das grimmige Gefühl des Alleingelassenwerdens von den anderen Staaten der Welt. "Wir werden uns nicht daran gewöhnen" steht auf einem schwarzen Tuch, das die Demonstranten vor dem neuen Beşiktaş-Stadion tragen.

Antrag auf Verfassungsänderung

"Wir werden die Geißel des Terrorismus bis zum Ende bekämpfen", verspricht Präsident Tayyip Erdoğan. Es war sein Wochenende: Am Samstag hatte seine Partei den Antrag für die Verfassungsänderung ins Parlament eingebracht.

Es ist eine Zäsur in der Geschichte der Republik. Jahrelang arbeitete Erdoğan beharrlich auf die Einführung einer Präsidialverfassung hin, maßgeschneidert auf seine Machtwünsche (siehe Bericht unten). Als die Bomben am Beşiktaş-Stadion und im nahe gelegenen Macka-Park explodieren, ist der Staatschef in seinem Palast in Tarabya, nur einige Kilometer aufwärts am Bosporus, ebenfalls auf der europäischen Seite.

Bekennerschreiben von Kurdenmiliz

Zu dem jüngsten Anschlag bekannte sich am Sonntagnachmittag die TAK, eine Splittergruppe der kurdischen Extremistenmiliz PKK. Regierungssprecher Numan Kurtulmuş hatte die PKK zuvor als Erster verdächtigt. Das Attentat trage die Kennzeichen von Kurdistans Untergrundarmee, sagte er. Im Lauf des Sonntags hatten sich dann die Anschuldigungen gegen die PKK gemehrt, die in der Türkei wie in Europa als Terrororganisation eingestuft wird: Türkischen Geheimdienstinformationen zufolge soll einer der beiden Selbstmordattentäter aus dem Gebiet der syrischen Kurdenpartei PYD gekommen sein.

Ankaras Anklagen sind bisher ungehört geblieben. Die Demokratische Unionspartei PYD werde in Wahrheit von der PKK dirigiert, so predigt die politische Führung der Türkei den Nato-Partnern. Die USA unterstützen noch die Miliz der PYD als wichtigsten militärischen Partner im Kampf gegen die Terrorarmee "Islamischer Staat".

Mit dem nächsten US-Präsidenten wird es anders, so hofft Ankara. Donald Trump mag die Gemengelage auf dem syrischen Kriegsschauplatz zu kompliziert sein.

Fünf Särge

Nur Stunden nach dem Anschlag werden Sonntagfrüh die Särge von fünf Beamten in den Hof des Polizeihauptquartiers im Istanbuler Stadtteil Fatih getragen. Das Jahr begann mit dem Terroranschlag des IS vor der Blauen Moschee in Istanbul, es mag zu Ende gehen mit dem Anschlag gegen Besucher eines Fußballspiels und vor allem gegen jene, die für die Sicherheit zuständig waren: 30 Tote sind Polizisten, sieben sind Zivilisten; einen Toten konnten die Ermittler vorerst nicht identifizieren. (Markus Bernath, 11.12.2016)

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    38 Menschen kamen beim jüngsten Anschlag ums Leben.

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