Antike Oasenstadt Palmyra bleibt umkämpft

11. Dezember 2016, 10:34
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Russland bestätigt nächtliche Luftangriffe – 300 IS-Kämpfer sollen getötet worden sein

Damaskus/Moskau/Washington – Russische Luftangriffe haben nach Angaben oppositionsnaher Beobachter die Extremistenmiliz Islamischer Staat in der syrischen Wüstenstadt Palmyra zum Rückzug gezwungen. Bestätigt wurden die Informationen Sonntagfrüh vom russischen Verteidigungsministerium.

Die Extremisten kämpften nun in Plantagen am Rande des Ortes, erklärte die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag um kurz danach zu erklären, dass die Miliz zurück in Palmyra sei. Bei 64 Luftangriffen wurden jedenfalls nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums mehr als 300 Aufständische getötet.

Die Kämpfer des radikal-islamischen "Islamischer Staates" (IS) sind am Samstag erneut bis zur antiken Oasenstadt vorgerückt. Am Abend sollen im Stadtgebiet Kämpfe zwischen IS-Einheiten mit Pro-Assad-Kräften ausgebrochen sein.

foto: afp photo / vasily maximov
Archivaufnahmen zeigen einen russischen Soldaten in den Ruinen des antiken Palmyra. Nun rücken erneut Kämpfer des "Islamischen Staates" auf die Stadt vor.

"Der IS ist am Samstag nach Palmyra eingedrungen und hat den Nordwesten der Stadt besetzt. Im Zentrum der Stadt finden noch Kämpfe mit der (syrischen, Anm.) Armee statt", erklärte der Leiter der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahmane.

Die Beobachtungsstelle bezieht ihre Informationen aus einem breiten Netzwerk in Syrien, ihre Angaben können aber von unabhängiger Seite kaum überprüft werden.

Weltkulturerbe

Der IS hatte das antike Palmyra bereits in der Vergangenheit fast ein Jahr lang unter Kontrolle. Damals zerstörten die Extremisten zahlreiche einzigartige, rund 2000 Jahre alte Ruinen, die zum Unesco-Welterbe gehören. So sprengten sie die Tempel Baal und Bal-Shamin sowie den Triumphbogen.

Satellitenbilder zeigen die Zerstörung des Baal-Tempels, des zentralen Heiligtums der antiken Stadt Palmyra im heutigen Syrien. (Reuters / Airbus DS, Unitar-Unosat / Handout via Reuters)
Der ebenfalls in Palmyra zerstörte Tempel war dem phönizischen Himmelsgott Baal Schamin gewidmet. (Reuters / U.S. Department of State, Humanitarian Information Unit, NextView License [DigitalGlobe], Satellite Imagery Analysis by Unitar-Unosat)

Im März dieses Jahres konnten Regierungstruppen Palmyra mit russischer Luftunterstützung wieder zurückerobern.

Nach heftigen Kämpfen mit syrischen Regierungstruppen hätten die Extremisten jetzt das Gasfeld Jihar eingenommen, meldeten die Menschenrechtsbeobachter und armeenahe Kreise. Auch das IS-Sprachrohr Amak berichtete von dem Vormarsch der Jihadisten. Die regimenahe Nachrichtenseite Al-Masdar berichtete, die dort stationierten Nationalen Verteidigungskräfte (NDF) seien zum Rückzug gezwungen gewesen. Die Regierungskräfte hätten 100 Kämpfer verloren. Demnach schickte die Armee neue Truppen in die Region.

Kämpfe in Aleppo

Der IS beherrscht im Norden und Osten Syriens trotz einiger Verluste noch immer große Gebiete. Die Jihadisten hatten in dieser Woche eine Offensive in der Region um Palmyra begonnen und die Regimetruppen aus mehreren Richtungen angegriffen. Mittlerweile kontrolliert die Terrormiliz wieder mehrere Gasfelder, darunter Al-Shair. Dieses hatten die Extremisten bereits 2014 sowie im Mai dieses Jahres zeitweilig unter Kontrolle. Die Gasanlagen wurden bei den Kämpfen schwer beschädigt. Die Gasfelder und Pipelines in der Region sind von zentraler Bedeutung für die Energieversorgung des Landes. (stb/APA/Reuters, 11.12.2016)

Dieser Artikel wurde mit den aktuellen Entwicklungen ergänzt

Hintergrund: Palmyra

Auf halbem Weg zwischen Euphrat und Mittelmeer gelegen, war die von den Römern zerstörte Oasenstadt Palmyra mitten in der syrischen Wüste ein wichtiger Zwischenstopp für die Karawanen der Seidenstraße nach Europa. Jetzt stehen die Kämpfer der Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) erneut vor der einstigen Pilgerstätte für Archäologen und Touristen.

Die Ruinen der antiken Oase tragen die Züge einer römisch-griechischen Stadt mit Säulenallee, Thermen und Theater. Palmyra lag zwischen den großen verfeindeten Reichen der Römer und der Parther, die geschickten Handelsdynastien der Stadt machten auch in Kriegszeiten Geschäfte mit beiden.

Der Handel war einträglich, der Reichtum der Stadt äußerte sich in der ausgedehnten Bautätigkeit ihrer Einwohner. Im goldenen Zeitalter der Metropole ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus wurde ein neues Stadtzentrum errichtet. Architektonisch passte man sich dem Zeitgeist mit griechisch-römischem Baustil an – orientalische Verzierungen inklusive. Die griechisch-römische Kultur traf in Palmyra nicht nur architektonisch auf die vorderasiatische.

Doch die Stadt galt schon lange davor als wichtiger Umschlagplatz für Waren aller Art. Neben den römischen Ruinen wurden auch Ruinen einer sehr viel älteren, hellenistischen Stadt gefunden. Dort wurden unter anderem Weinamphoren aus Rhodos gefunden, die bis nach Indien gehandelt wurden. Bereits im ersten Jahrtausend vor Christus wurde ein Tempel für den Gott Bel (Baal) errichtet, der rund tausend Jahre später ausgebaut und zu einem der wichtigsten religiösen Bauwerke im Vorderen Orient wurde.

Selbst als Syrien 64 v. Chr. zur römischen Kolonie wurde, erhielten sich die Einwohner der Stadt eine große Unabhängigkeit. Der Reichtum aus Handel bedeutete zunehmend auch militärische Macht für Palmyra. Als die Sassaniden den römischen Kaiser Valerian im 3. Jhdt. n. Chr. schlugen, standen die Palmyrener den Römern bei. Der neue Kaiser Aurelian ernannte den palmyrenischen Herrscher Odaenathus zum Statthalter des gesamten Orients. Als dieser starb, übernahm seine Frau Zenobia, deren Schönheit legendär gewesen sein soll, die Herrschaft. Doch die wachsende Unabhängigkeit und das Machtstreben der Wüstenmetropole waren den Römern zunehmend ein Dorn im Auge.

Als Zenobias Truppen 269 n. Chr. Ägypten, die Kornkammer Roms, eroberten, war das Maß voll. Die Römer belagerten, eroberten und besetzten die Stadt, ließen aber Gnade walten und verschonten Palmyra zunächst. Zenobia wollte fliehen, wurde aber gefangen genommen. Doch kaum waren die Römer abgezogen, erhoben sich die Bewohner Palmyras erneut, massakrierten die römischen Besatzer und erklärten sich für unabhängig. Danach gab es keine Gnade mehr: Palmyra wurde im dritten Jahrhundert von den Römern zerstört. Nur wenige Gebäude blieben stehen, die Stadt sollte nie mehr die alte Pracht erreichen.

Die einst bedeutende Oase war von da an nur noch ein römischer Militärstützpunkt. Später zogen die Handelsströme fast gänzlich an der Stadt vorbei. Unter den Osmanen, die im 13. Jahrhundert eine Festung über der antiken Ruinenstadt errichteten, war Palmyra nur mehr ein unbedeutendes Dorf.

Der größte Teil von Palmyra liegt bis heute begraben.

Nun sollen erneut die Kämpfer des "Islamischer Staats" eingefallen sein. Die Oase und die angrenzende moderne Stadt (arabisch: Tadmur), die im 20. Jahrhundert errichtet wurde, sind strategisch wichtig: Von dort führen Straßen in den Westen nach Homs und in die Hauptstadt Damaskus. Auch ein Flughafen und ein Militärstützpunkt befinden sich dort. (stb)

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