Erinnerungsdefizite in Wien

Userkommentar13. Dezember 2016, 10:52
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Wien bleibt Wien. Nach zahlreichen Menschen, die vor etwa acht Jahrzehnten in einem Naheverhältnis zum NS-Regime gestanden waren, sind heute immer noch Straßen in Wien benannt. Einige dieser Straßenschilder erhalten nun erklärende Zusatztafeln. Doch solche Geschichtskosmetik reicht nicht aus

Viele renommierte Persönlichkeiten machten zur Zeit des Nationalsozialismus zum Teil glänzende Karrieren; in Wissenschaft und Kunst, in Wirtschaft und Politik. Den Jahren der nach Kriegsende nur zögerlichen Aufarbeitung der österreichischen NS-Geschichte folgten Jahrzehnte der umfassenden Forschung und Dokumentation.

Erinnerungsdefizite bestehen jedoch auch heute noch im Umgang mit jenen Straßennamen Wiens, die nach wie vor nach Menschen benannt sind, die ein Naheverhältnis zum NS-Regime hatten. Die Namensgeber waren teils NSDAP-Mitglieder oder in NSDAP-Vorfeldorganisationen engagiert, viele sympathisierten offen mit der rassistischen NS-Diktatur, teils aus innerer Überzeugung, teils aus Karrierestreben, indem sie sich dem Regime geradezu andienten.

Auf der "falschen Seite der Geschichte"

Jenen, die damals auf der "falschen Seite der Geschichte" standen, sollen ihre wissenschaftlichen, künstlerischen oder sonstigen Fähigkeiten und Leistungen nicht abgesprochen oder weggenommen werden. Doch sie standen nicht aufseiten der Millionen NS-Opfer, welche in den Konzentrationslagern jener Zeit ermordet, vergast, erschossen oder durch bewusste Unterernährung getötet wurden. Sie waren vielfach Mitläufer in einem Unrechtsregime, das Millionen Juden, hunderttausende Roma und Sinti, Zeugen Jehovas, homosexuelle Männer und Frauen sowie politisch Andersdenkende auf industrielle Weise systematisch vernichtet hatte.

Nicht jeder Mensch eignet sich zum Helden, die Zwänge des NS-Alltags waren schrecklich; Hannah Arendt erinnerte daran, dass jeder banale Einkauf durch die Grußpflicht bereits einem politischen Akt ähnelte. Doch letztlich konnte in einem gewissen, minimalen Freiraum fast jeder Mensch eine Entscheidung treffen: die Entscheidung des eigenen Verhaltens zu diesem unmenschlichen, mörderischen Regime.

Geschichtskosmetik reicht nicht

Wo sind die vielen Straßen, die der Opfer der NS-Diktatur gedenken? Etwa der jüdischen Wissenschafterinnen und Wissenschafter, Künstlerinnen und Künstler und Persönlichkeiten, die Wien in der Ersten Republik mitprägten? Die zur kulturellen Identität Wiens beitrugen und zwischen 1938 und 1945 verfolgt, deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet wurden? Einstweilen behalten die NS-Mitläufer ihre Straßennamen und Politiker enthüllen gegenwärtig zumeist nur Zusatztafeln.

Indes machen die Opfer der NS-Diktatur das, was sie seit nunmehr etwa 80 Jahren tun: sie "stören" die Kontinuität dieses kommunalpolitischen Ablaufs nicht. Sie werden sich auch weiterhin dazu ruhig verhalten, dass Straßen nicht nach ihnen, sondern nach "den Anderen" benannt sind. Sie werden auch künftig nicht persönlich ihr Recht einmahnen können, dass ihrer gedacht werde. Sie werden nicht aufbegehren, sich nicht in Gegenrede üben, dass so viele von denen, die in der NS-Zeit geschickt glänzende Karrieren machten, die Namensgeber bleiben. Nicht einmal dagegen, dass einige von diesen erst in den 1990er- und 2000er-Jahren (!) Straßennamen neu verliehen bekamen. "Wir leben mit Toten, und die denken nicht um", meinte Max Frisch in anderem Kontext, doch wieso denken die heute Verantwortlichen nicht um? Zugunsten jener, die damals auch zu den Dagewesenen zählten? Die einst auch am Stadtgeschehen teilnahmen und Kultur schufen, die zu einer besseren Zukunft beitragen wollten?

Dreifach vergessen

Wo sind die Straßen in Wien, die nach Helene Taussig (Malerin), Adele Jellinek (Schriftstellerin), Ilse Pisk (Fotografin), Friedl Dicker-Brandeis (Architektin), Malva Schalek (Malerin), Ruth Maier (Schriftstellerin), Paula Heller-Santa (Opernsängerin) oder Martha Geiringer und Leonore Brecher (Wissenschafterinnen) benannt sind? Sie alle hatten in dieser Stadt ursprünglich eine Zukunft, die sie mitgestalten und nicht nur "ableben" wollten. Nicht nur wie eine "Schraube von einer Maschine abfallen", wie Ruth Maier dies formulierte. Dass sie mit Zügen aus der Stadt deportiert werden würden, um in Konzentrationslagern ermordet zu werden, hätten alle diese Frauen für ihr Leben kategorisch ausgeschlossen. Dennoch war das ihr Schicksal.

Und heute? Nur wenig erinnert an sie. Sie bleiben dreifach vergessen: als NS-Opfer, als Künstlerinnen und Wissenschafterinnen und auch als Frauen. Die ehemaligen NSDAP-Mitglieder und NS-Mitläufer und viele Karrieristen der Zeit jedoch bleiben in Straßennamen präsent und geehrt. Und erhalten Zusatztafeln. Welches Narrativ erzeugen wir damit heute, im Zeitalter des aufkeimenden Populismus?

Erinnerungslücken schließen

Die (nicht geförderte) digitale Kunstinitiative des Gedenkens, "Memory Gaps ::: Erinnerungslücken", wurde von der Malerin Konstanze Sailer im Jahr 2015 zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufen. Monat für Monat werden seither Ausstellungen von physisch realen Kunstwerken in virtuellen Räumen eröffnet, eine Auswahl aus tausenden Tuschen auf Papier, die an sämtliche NS-Opfergruppen erinnern. In Straßen und an Plätzen, die es nicht gibt, die es jedoch geben sollte; gleichzeitig werden Monat für Monat mit den Mitteln digitaler Erinnerungskultur Straßennamen zur Umbenennung vorgeschlagen.

Ganz im Sinne des New Yorker Rabbi Marshall Meyer: "Heute müsst ihr entscheiden, welches andere Gestern ihr morgen wollt!" Als virtueller, digitaler Brückenbau in die Vergangenheit, als Schließen von Erinnerungslücken, als Beitrag zum kollektiven Gedächtnis Wiens. (Konstanze Sailer, Dominik Schmidt, 13.12.2016)

Dominik Schmidt ist Sprecher der Kunstinitiative "Memory Gaps ::: Erinnerungslücken", die 2015 von der Malerin Konstanze Sailer gegründet wurde und die sämtlicher NS-Opfergruppen, insbesondere ermordeter jüdischer Künstlerinnen, gedenkt.

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  • Problematische Straßennamen erhalten in Wien Zusatzschilder. Die Stadt entschied sich gegen Umbenennungen, um "die Geschichte Wiens sichtbar zu machen".
    foto: grüne wien

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