Grenzzaunlücken-Kunst in den Weinbergen

8. Dezember 2016, 20:01
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In der Lücke im südsteirischen Grenzzaun am Grundstück des ehemalige ÖVP-Politikers Helmut Strobl wird anlässlich des Tages der Menschenrechte eine Installation des Künstlers Erwin Posarnig errichtet

Hochgrassnitzberg/Graz – Eine Installation mit drei Flaggen wird ab Freitag an der steirisch-slowenischen Grenze ein unmissverständliches Statement zur österreichischen und europäischen Flüchtlingspolitik setzen. Aufgestellt werden die – jeweils verfremdeten – Flaggen der Steiermark, Österreichs und der Europäischen Union auf dem Grundstück jenes Mannes, der vor genau einem Jahr für Aufsehen sorgte, weil er sich weigerte, den Grenzzaun über sein Grundstück bauen zu lassen: Helmut Strobl, viele Jahre ein prominentes Mitglied der ÖVP und ehemaliger Kulturstadtrat von Graz, der aufgrund seiner liberalen Haltungen Ansehen in fast allen Fraktionen genoss.

"Kontaktarmut und Rückzug"

Wie der STANDARD berichtete, hielt der 73-Jährige den Zaun für "rausgeschmissenes Geld", der nur die Leute beruhigen sollte, und sorgte erfolgreich für eine Grenzzaunlücke. Nun soll sich seine Haltung auf dem Grundstück, das seit über hundert Jahren im Besitz seiner Familie ist, auch optisch manifestieren. Gemeinsam mit dem Aktionskünstler Erwin Posarnig ersann er die Installation Borderline Syndrom/Weltreligionen/Untergrenze-Obergrenze. Ab Freitag um 15 Uhr kann sie in Hochgrassnitzberg an der Grenzzaunlücke besichtigt werden.

"Borderlinesyndrom steht für mich auf staatlicher oder regionaler Ebene für Kontaktarmut und für Rückzug", erklärt Posarnig, "das steht im Widerspruch zum Artikel 13 zur Freizügigkeit und Auswanderungsfreiheit in der Menschenrechtserklärung."

Posarnig stellt außerdem den Herzoghut auf dem steirischen Wappen, der im Original ein Kreuz auf seiner Spitze trägt, in mehreren Versionen dar, auf denen jeweils das Symbol einer anderen Weltreligion zu sehen ist – unter anderem der Davidstern und der Halbmond, "um Diversität und Offenheit in unserer Gesellschaft zu zeigen". In der österreichischen Flagge wird in mehreren Sprachen, darunter auch Arabisch, das Thema der Ober- bzw. Untergrenzen thematisiert, und auf seiner Version der EU-Flagge "taumeln die Sterne", wie Posarnig ausführt.

No-Fence-Pass mit Sonderstempel

Gerade die im Zickzack durch die Weinberge verlaufende Grenze war selbst zu Zeiten Jugoslawiens eine durchlässige, entspannt gehandhabte Grenze. Bauern hatten mitunter sogar Felder auf der jeweils anderen Seite, die sie bestellten. Zur Präsentation der Installation, die nicht zufällig einen Tag vor dem Tag der Menschenrechte am 10. Dezember stattfindet, gibt es auch ein Rahmenprogramm. So ließ man etwa in Erinnerung an einen Übertrittspass, den Zöllner früher abstempeln mussten, einen speziellen No-Fence-Permit samt Stempeln anfertigen.

Die Installation soll dauerhaft als "No fence"-Statement in der rund sieben Meter langen Lücke stehen bleiben. Posarnig: "Sie steht auf Helmut Strobls Privatgrundstück, ist aber trotzdem als Kunst im öffentlichen Raum wahrnehmbar." (Colette M. Schmidt, 9.12.2016)

  • Der 2015 errichtete Grenzzaun zwischen der Südsteiermark und Slowenien erntete vielfach Kopfschütteln.
    foto: plankenauer/apa

    Der 2015 errichtete Grenzzaun zwischen der Südsteiermark und Slowenien erntete vielfach Kopfschütteln.

  • Ex-Kulturstadtrat und widerständiger Grundstücksbesitzer: Hemut Strobl.
    foto: j. j. kucek

    Ex-Kulturstadtrat und widerständiger Grundstücksbesitzer: Hemut Strobl.

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