ORF kürzt Flimmit: Nur Eigenproduktionen, ohne Zeitlimit und womöglich kostenfrei

    9. Dezember 2016, 08:00
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    In Gesprächen mit Medienbehörde – Registrierung für Portal geplant – Kosten künftig nur für Premiumangebote möglich

    Wien – In Zeiten der Gebührendebatte will sich der ORF weitere (Anlauf-)Verluste in den hohen Hunderttausendern für die kommerzielle Abrufplattform Flimmit nicht mehr leisten. DER STANDARD hat erste Infos, was der ORF mit dem Portal und der Tochterfirma vorhat.

    Rund 800.000 Euro Minus im laufenden Jahr werden im ORF kolportiert (und nicht dementiert), und derzeit keine Aussicht auf zumindest geringere Abgänge. Rund eine Million Verlust 2017 wollte der ORF nicht mehr vertreten, wenn er für dasselbe Jahr 7,7 Prozent Gebührenerhöhung beantragt.

    foto: flimmit.com screenshot
    "Endabrechnung": Landkrimi bei Flimmit.

    Der ORF hat die Filmplattform Flimmit in den vergangenen Jahren schrittweise von den Gründern übernommen – die sich inzwischen aus der Geschäftsführung zurückgezogen haben und laut Firmenbuch nur noch dreimal 1,1 Prozent an der Flimmit GmbH halten. Den größten Anteil besitzt der kommerzielle Arm der ORF-Sendertochter ORS, beteiligt ist auch die ORF-Vermarktungstochter Enterprise.

    Gegen Netflix

    Im März 2015 präsentierten der damalige Finanzdirektor Richard Grasl und ORF-Chef Alexander Wrabetz den Neustart von Flimmit im ORF-Konzern als strategische Maßnahme gegen Netflix und Co.

    Zwei Millionen Euro

    Inklusive Kaufpreis investierte der ORF nach damaligen Angaben zwei Millionen Euro in Flimmit. Nach STANDARD-Infos erhielten die Gründer für die Plattform 930.000 Euro.

    "In den nächsten drei bis fünf Jahren wollen wir den Break even erreichen und mit Flimmit schwarze Zahlen schreiben", so Grasl im März 2015. "Mittlere vierstellige Abonnentenzahlen" waren damals angepeilt.

    foto: flimmit.com screenshot
    Flimmit-Tipp der Woche: "Hirngespinster".

    Die Erwartungen des Business Plans für Flimmit wurden nach Angaben aus dem ORF bisher nicht erfüllt. Bei der Präsentation des Gebührenantrags kündigte ORF-General Wrabetz am Montag an, Flimmit werde "stark redimensioniert". Was hat der ORF nun damit vor?

    Mehr als sieben Tage: Medienbehörde am Wort

    Der ORF ist nach STANDARD-Infos in Gesprächen mit der Medienbehörde KommAustria. Deren Zustimmung braucht der ORF für den geplanten Umbau von Flimmit. Denn: Der ORF will seine eigenen Produktionen – Film, Serie, Dokus – dort länger verfügbar halten als jene sieben Tage, die das ORF-Gesetz bisher für den Programmabruf vorsieht.

    Flimmit, so Wrabetz, soll zum "öffentlich-rechtlichen Angebot" umgebaut werden. Dahinter könnte nach Infos aus dem ORF stehen: Der Zugang zu den Inhalten von Flimmit könnte künftig weiterhin Registrierung und Login erfordern, (womöglich für Gebührenzahler) aber dann ohne Abokosten.

    Premium mit Preis

    Premium-Inhalte könnten freilich auch in diesem Konzept extra kosten. Bisher experimentierte der ORF etwa mit Vorab-Zugang zu neuen ORF-Produktionen gegen Geld über Flimmit: "Vorstadtweiber" und David Schalkos "Altes Geld" wurden so für Käufer früher zugänglich. Bei Schalkos "Braunschlag" etwa erschien noch die DVD-Edition vorab.

    Lehnt die Medienbehörde das "öffentlich-rechtliche" Konzept für Flimmit ab, dürfte der ORF vor allem die technische Plattform weiter nützen, die auch die Basis für das kommerzielle Klassikportal bietet und als White-Label-Lösung auch für andere Betreiber angeboten wird.

    Was wird aus dem Startup-Cluster?

    foto: futurelab261.com screenshot
    "Keine weiteren Investitionen" in den Startup-Cluster Futurelab261 und Flimmit, heißt es auf Anfrage im ORF.

    Mit der "starken Redimensionierung" von Flimmit kündigte Wrabetz diese Woche auch das De-Facto-Aus für den Startup-Cluster an, den Richard Grasl noch als Finanzdirektor vor wenigen Monaten gestartet hatte. Der ORF beteiligte sich über dieses "Futurelab261" in Startups wie Updatemi und Greezly.

    Was passiert nun mit Futurelab261, als dessen Geschäftsführer erst Ende 2015 Gerald Reischl vom "Kurier" auf den Küniglberg wechselte, und der erst im Frühherbst den Journalistenkollegen Jakob Steinschaden vom "Horizont" zu Futurelab geholt hatte?

    ORF: "Keine weiteren Investitionen"

    Auf STANDARD-Anfrage nach den bisherigen Aufwendungen für den Startup-Cluster und über seine Zukunft kam vom Küniglberg diese offizielle Stellungnahme: "Klar ist, dass es keine weiteren Investitionen in die kommerziellen Geschäftsfelder flimmit oder Start-Up-Cluster geben wird. Der ORF wird und muss sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren."

    Zu den Aufwendungen in Flimmit beziehungsweise Startup-Cluster: "Die Sparvorgabe für diese Bereiche für 2017 liegt im deutlich 7-stelligen Bereich." Und: "Es wird keine weiteren Investitionen in Start-Ups geben.

    Zu Cluster und Besetzung: "Detailfragen zu bestehenden Strukturen/Beteiligungen und Personalia werden in naher Zukunft geklärt." (fid, 9.12.2016)

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