Russland: Kremlnaher Konzern baut Riesen-Chemieanlage

9. Dezember 2016, 07:00
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Es soll die größte Chemieanlage seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion werden. Ziel ist, chemische Produkte künftig zu exportieren

Tobolsk – Über 100 Meter ragt die Kolonne in den grauen Himmel. Der Kran hat die 900 Tonnen schwere Last angehoben und versucht, sie in die Senkrechte zu bringen. Rund drei Stunden nimmt die Justierung in Anspruch, ehe die riesige Metallröhre millimetergenau eingerichtet ist. Der erste Schnee ist bereits im Oktober gefallen, Anfang Dezember sinken die Temperaturen nachts auf minus 20 Grad – und doch wird auf der Großbaustelle in Tobolsk im Akkordtempo gearbeitet. 2020 will der russische Großkonzern Sibur hier die größte Petrochemiefabrik seit dem Ende der Sowjetunion eröffnen. Ein ehrgeiziges Projekt, doch das Unternehmen liegt im Plan.

Die Koordinierung der Großbaustelle, die mit 11.000 Mann einem Ameisenhaufen gleicht, ist Schwerarbeit. Neben Russen trotzen Türken, Chinesen und Usbeken dem Frost. Die Arbeiter von auswärts sind billiger als einheimische Arbeitskräfte. Das Projekt Zapsibeftekhim ist mit 9,5 Milliarden Dollar ohnehin teuer genug.

Aber der Bau erfordert auch Spezialisten wie den Deutschen Thomas Hoff vom Linde-Konzern. Linde ist für das Engineering und die Beschaffung der Bauteile verantwortlich. "Für uns ist es zurzeit das größte Projekt, das Linde betreut", sagt Hoff, auch wenn vor Ort nur eine kleine Mannschaft die Beratung und Überwachung übernehme. Die Kälte Sibiriens schreckt ihn nicht. "Ich mag es, wenn der Schnee die Landschaft in Weiß hüllt", sagt Hoff, der zuvor im weiter nördlichen Nischnewartowsk beschäftigt war.

Westliche Sanktionen

Neben Linde sind Thyssen-Krupp und der französische Anlagenbauer Technip wichtige Partner Siburs beim Aufbau der Chemieanlage. Probleme mit westlichen Sanktionen gibt es laut Sibur nicht, obwohl der Konzern durch seine Aktionäre als kremlnah gilt – neben Großaktionär Leonid Michelson, dem laut Forbes mit 14,4 Milliarden Dollar reichsten Mann Russlands, besitzen auch Gennadi Timtschenko (steht auf der Sanktionsliste) und Kyrill Schalamow, größere Aktienpakete. Der eine ist Medien zufolge ein Vertrauter, der andere gar Schwiegersohn Wladimir Putins. Die vom Kreml vorgegebene Ostwende der Wirtschaft hat Sibur durch den Einstieg der chinesischen Sinopec (zehn Prozent) bereits vollzogen.

Doch Moskau hat auch die europäischen Partner gern dabei. Noch: Denn für Russland ist das Projekt von strategischer Bedeutung. 2015 musste Russland chemische Produkte im Wert von umgerechnet 35 Milliarden Euro einführen. Selbst Polymere, Grundstoffe der chemischen Industrie, aus denen die verschiedensten Kunststoffe – von der Plastiktüte bis hin zu Implantaten und Zahnrädern – entstehen, werden importiert. Damit soll nun Schluss sein. Die Anlage soll die Polymerproduktion in Russland verdoppeln. Damit hofft Sibur, künftig sogar Polymere in andere Staaten ausführen zu können.

Bisher hat die von der Regierung proklamierte Importverdrängung nur in der Landwirtschaft dank hoher Protektionsmaßnahmen einigermaßen funktioniert. Die Fabrik könnte der von Putin immer wieder geforderten Diversifizierung der russischen Wirtschaft einen wichtigen Impuls verleihen, zumal perspektivisch auch eine Erweiterung der Produktionspalette angedacht ist.

Keine Engpässe zu befürchten

Engpässe bei der Rohstoffzufuhr braucht Sibur nicht zu fürchten. Tobolsk, in der einst auch der "Vater der russischen Chemie", Dmitri Mendelejew, geboren wurde, ist durch ein weitverzweigtes Pipelinenetz an die großen Lagerstätten Sibiriens angeschlossen, von wo es das bei der Erdölförderung als Abfallprodukt entstehende Begleitgas bezieht. Zudem sind die Sibur-Aktionäre Michelson und Timtschenko auch beim Gasproduzenten Novatek aktiv.

Tobolsk, die alte Hauptstadt Sibiriens, die viele Auf- und Niedergänge erlebt hat, träumt von einer Kettenreaktion des Erfolgs. Dauerhaft würden Fabrik und Zulieferer immerhin knapp 4.000 Menschen einen hochqualifizierten Arbeitsplatz bieten. Und einer wird bei der Fabrikeröffnung sicher kommen: Putin, der dann über die Erfolge der russischen Importverdrängung referieren wird. (André Ballin, 9.12.2016)

  • Juwelierarbeit im Titanenmaßstab: Bei eisiger Kälte entsteht in Sibirien ein gigantisches Chemiewerk.
    foto: standard

    Juwelierarbeit im Titanenmaßstab: Bei eisiger Kälte entsteht in Sibirien ein gigantisches Chemiewerk.

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